Kolumbien - Kaffee, Koks und Kokospalmen

Aktualisiert am 25. Juli 2021

 

 

Da sind wir nun also. Ich mache meine ersten Schritte auf dem südamerikanischen Kontinent. Die Immigration klappt schnell, der Koffer ist schon da, als wir ans Band kommen. Beim Geld ziehen am Automaten ist man mit 230 € auch sogar schon Millionär. Und eine Viertelstunde Taxifahrt später werden wir in CARTAGENA in einer schönen, sonnengelben Kolonialstil-Unterkunft von den Besitzern Willkommen geheißen. Direkt vor der Haustür liegt ein Gässchen mit ganz vielen bunten Schirmen, die Kinder spielen überall und abends sitzen die Anwohner mit ihren Schaukelstühlen vor ihren Eingängen und spielen laut Musik oder unterhalten sich mit Familie und Nachbarn. Die Temperaturen sind warm und angenehm, die 30 Grad merkt man gar nicht so sehr. Ein lauschiger Wind geht und eine Atmosphäre von Leichtigkeit und Lebensfreude liegt in der Luft.

 

Kaum, dass wir uns aber mal 5 Minuten auf dem Bett ausstrecken, weil uns der Wecker ja schon um kurz vor 2 h nachts rausgeschmissen hat, kommt eine Mail rein. Unsere Agentin, die uns unterstützen soll, Jumpy aus dem Hafen zu holen, will Torben gleich noch vor dem Wochenende treffen, um mit ihm für Vollmachtserteilungen zum Notar zu fahren. Puh, naja, dann kann es dann ja hoffentlich am Montag gleich losgehen.

 

Ich schlendere derweil ein bisschen durch unser Viertel Getsemaní. Kleine Sträßchen mit vielen bunten Häusern und jeder Menge Streetart, Künstlern, kleinen Restaurants und Bars. Schön ist das!

 

 

Dann ist Wochenende und wir haben mit Hafenprozedere erstmal Ruhe bis Montag. Wir schlendern zur nahegelegenen, von einer Piratenmauer umgebenen Altstadt Cartagenas. Schöne Altbauten, aus Holz geschnitzte Balkone und Fenstervergitterungen, quietschbunte Farben. Und noch eine massige, alte Festung dazu. Die Stadt wird wohl nicht umsonst die „Perle der Karibik“ genannt. Trotz Pandemie sind auch ein paar Touristen hier. Mehr dürften es für meinen Geschmack auch mal wieder gar nicht sein. Die Einheimischen sagen auch, dass es im Moment sehr angenehm sei mit den Besuchern und sie sonst schon fast erdrückt würden. Dafür stürzen sich die fliegenden Händler, die Armbändchen, Hüte, Bootstouren und sonstwas verkaufen umso mehr auf die wenigen Gäste. Alle Nase lang soll man was kaufen oder sogar was für die Nase, denn Torben bekommt ein paar Mal Koks angeboten. Ich kriege das gar nicht mit. Bei mir versuchen sie’s gar nicht erst. Vielleicht merken sie ja, dass was Aufputschendes bei mir fehl am Platz wär. Mit Baldrian würden sie vielleicht ein Geschäft machen…

 

 

Die ersten Abende verputzen wir viel zu fettiges Essen an Ständen an einem kleinen Kirchplatz. Richtig viel Leben herrscht dort. An Corona erinnern allenfalls die Masken, die beim Essen aber auch ablegt werden, sonst nichts. Wir müssen an Europa denken, wo derzeit Restaurants und viele andere Läden einer nach dem anderen pleite gehen, weil keiner mehr was darf. Ein Trauerspiel… Hier sind die Temperaturen lauschig und es ist angenehmn, abends in der Stadt herumzuspazieren.

 

 

Und dann startet unser Projekt „Holt Jumpy aus dem Hafen“. Meine Güte, das habe ich mir wirklich einfacher vorgestellt. Aber nee, Ewigkeiten werden wir hingehalten, warum denn das „Bill of Lading“, also die Frachtpapiere, nicht ausgestellt werden. Keine Begründung, kein Hinweis, dafür aber zig Mails, auch von unserer Agentin zur Reederei. Mal weiß keiner was, mal heißt es, die arbeiten so langsam, mal sind’s wohl die Computer, die unseren Container nicht im Rechnungssystem anzeigen. Und so lange dies so ist, können die anfallenden Gebühren nicht bezahlt werden und es wird auch kein BL ausgestellt. Und ohne das keine Abholung aus dem Hafen. Zwischendurch soll Torben nochmal seine ID hinschicken, da ein perfekter Scan wohl nicht lesbar ist, ein mit einem alten Smartphone abfotografierter Pass aber wohl. Dazu alles auf Spanisch und wenn man das in die Übersetzungsapp eingibt, kommt die Hälfte auch nur als sinnloser Kauderwelsch raus. Manchmal kommt es aber aufs Detail an und wir müssen nochmal nachfragen. Dann tippen wir wieder was auf Englisch ein, schmeißen es erneut in die App und hoffentlich verstehen uns die anderen dann mit dem, was uns als angeblich spanischer Output angezeigt wird. Und bei der Antwort rätseln wir dann wieder. Unzählige Mails gehen so hin und her. Das nervt! Zwischenzeitlich habe ich sogar den Eindruck, dass sie unseren Container gar nicht geladen haben und das Prozedere so lange hinauszögern, bis er dann doch hier ankommt. Keine Ahnung! Dann wird er wohl doch im System angezeigt, die Rechnungen werden bezahlt, aber dann tauchen diese wiederum im System nicht auf. Als am 3. Tag unsere Agentin immer noch versucht, die Reederei damit zum Rausrücken des BL’s zu bewegen, dass sie denen immer wieder die Rechnungsbelege schickt, sich daraufhin aber überhaupt keiner rührt, wird’s uns zu blöd. Wir versuchen sie 2 Tage lang dazu zu bringen, das Ganze direkt vor Ort im Reedereibüro zu regeln. Überhaupt müssen wir sie ständig antreiben, damit sie mal ihren Job macht. Sie windet sich so lange, bis sie am Ende einwilligt. In dem Moment wird das BL endlich freigegeben. Wieder einen Schritt geschafft! 

 

Zwischenzeitlich gehen wir immer mal wieder die Altstadt oder unser Viertel erkunden. Das hilft, nicht immer nur an Bürokratie zu denken und außerdem können wir oft ja sowieso nichts machen. Und dann habe ich auch noch Geburtstag. Es wird ja leider nichts damit, Jumpy als Geburtstagsgeschenk vor der Tür stehen zu haben, aber wir können den Tag wenigstens anderweitig schön nutzen. Für abends hat Torben ein original französisches Restaurant ausgesucht, geführt von Valerie aus Paris. Damit auch ja sicher gestellt ist, dass es heute wirklich lecker wird. Es ist auch wirklich jedes Detail original französisch und wir geraten ins Schwärmen über all die himmlischen Gerichte, die wir in dem Land dort schon genossen haben. Und lecker Cocktails mit Pastis haben sie auch. 

 

Die Besitzer unserer Unterkunft wiederum geben uns nochmal einen Einblick ins kolumbianische Leben, denn es ist immer ein Kommen und Gehen mit den Nachbarn. Geht einer vorbei, wird er hereingerufen, es wird eine Runde geschnackt und dann zieht er wieder weiter. Braucht man was von nebenan, wird einfach lautstark aus der Tür gebrüllt, was man benötigt und irgendwer kommt dann rüber und bringt es rum. Es ist ja warm, Türen und Fenster stehen immer offen. Und abends wird gern Musik gehört. So lange wir wach sind, finden wir’s schön daran teilzuhaben. Sobald wir in unser Zimmer gehen, ist es extrem angenehm, dass dies zum Innenhof rausgeht und wir davon nichts mehr mitbekommen. Wir brauchen ja unseren Schlaf für das nächste Prozedere.

 

 

Denn es braucht nun einen Termin für den Hafen, auf den warten wir auch ewig. Freitag früh soll es soweit sein. Um 6 h klingelt der Wecker, Torben fährt mit Ana in den Hafen und Jumpy kann endlich aus dem Container geholt werden. Alles ist heil geblieben, das ist schonmal gut! Aber dann müssen sie noch eine Versicherung abschließen. Dafür wieder raus aus dem Hafen, ohne Jumpy. Normaler Weise kein Problem und Teil des Ablaufs, aber das Büro gibt es nicht mehr, also woanders hin, aber da muss Ana erst einen Termin machen. Und selbst auf dessen Erteilung muss man hier warten. Torben wird wieder bei unserer Unterkunft abgesetzt, bis es weitergeht. Verstehen wir alles nicht, also nochmal Unsicherheit und elendiges Abgewarte, weil die Agentin uns nicht auf dem Laufenden hält, was sie macht. Dazu kommt noch Torbens Aussage, dass er den Autoschlüssel im Hafen lassen sollte, weil die das Auto irgendwo anders hin fahren wollten. WAAAAAAAAAAS?????? Als ich das höre, flipp ich nun endgültig aus! Erst erzählt er jedem, dass, wenn was mit dem Auto passiert, dann im Hafen und nicht an Bord. Und außerdem ist ja sonst ein Containertransport deswegen sicherer gegenüber einem Autotransporter, weil man nur selbst ans Fahrzeug kann und es sonst sicher in der Blechbüchse verstaut ist. Da muss man sich doch dagegen wehren, den Schlüssel dazulassen! Jetzt ist Jumpy Freiwild für alle, die sich mal eben an unseren Sachen bedienen wollen! Wegen des Containers haben wir den Durchgang zum Wohnbereich eben nicht dichtgemacht und die Sachen aus den vorderen Bereichen nicht rausgeräumt. Außerdem steht das Wochenende vor der Tür und wer weiß, ob die Büros heute überhaupt noch die restlichen Formalitäten bearbeiten. Muss ich jetzt ernsthaft bis Montag warten, bis ich weiß, ob unser Auto in der Zwischenzeit geplündert wurde??? 

 

Irgendwann klingelt dann aber doch noch das Telefon und wir können zum Hafen. Mit den entsprechenden Papieren geht Torben allein rein, ich darf ja nicht. Er musste ja sogar, um dieses riesige, luftige Gelände überhaupt betreten zu dürfen, schon wieder einen Corona-Schnelltest machen. Dessen Gültigkeit läuft in diesen Stunden auch grade aus. Jetzt kann’s aber ja wohl nicht mehr allzu lange dauern, denke ich. Und was ist? Ich stehe mir mit Ana die Beine in den Bauch und wir können der Sonne beim Versinken hinter den Containerbrücken zusehen. Nichts passiert. Dann doch ein Anruf. Der Zoll hätte alles brav abgenommen, es gab keine Probleme, aber jetzt sind die Computer am Gate wohl abgestürzt, wo alle Fahrzeuge, die aus dem Hafen wollen, ihre entsprechenden Ausfuhrpapiere zeigen müssen. Da geht grade nichts mehr und keiner weiß, ob die in einer halben Stunde wieder laufen oder sonstwann. Ich glaub das alles nicht! Warum ist es für uns vergleichsweise einfach, über Grenzen zu kommen, aber mit Jumpy (bis auf nach Mexico) bisher immer ein immenser Kraftakt, der enorm an den Nerven zerrt? Ich versuche, igendwie meinen Stresspegel runterzuregeln. 

 

Derweil erzählt Ana, dass bis gestern die LKWs 3 Tage lang gestreikt hätten gegen die Mautstellen in der Stadt und dass auf der Hauptstraße zum Hafen überhaupt nichts mehr ging. Alles voller stehender Lastwagen. Kein Vor, kein Zurück. Ha, komisch, da denkt man, das alles macht hier doch grade überhaupt keinen Sinn und dann passt es auf einmal ziemlich optimal, dass wir heute erst im Hafen sind. Die Tage vorher hätten wir weder her- noch wegfahren können. Und weil heute erst alles wieder anläuft, ist auch im Hafen entsprechend was los und die Computer sind abgeraucht. Schon wieder ein Fall von der Sorte, dass es überhaupt nichts gebracht hätte, wenn wir Jumpy schon eher hätten abholen dürfen. Wir wären so oder so bei diesem Termin heute Abend gelandet. Irgendwie haben selbst Abläufe wie diese am Ende doch noch wieder ihren Zweck und zeigen einem, dass man sich gar nicht immer so viel Stress und Gedanken machen sollte. Vielleicht merke ich mir das ja bis zur nächsten Grenze…

 

Mit dieser Situation wieder angefreundet, meldet sich Torben damit, dass die Computer wieder laufen und er jetzt nur noch ein paar LKWs vor sich hat, dann wäre er wohl da. Er muss aber wieder nochmal zurück, weil er ein paar Tickets von irgendwem nicht bekommen hat, ohne die er nicht durch die Schranke darf und sich danach dann wieder anstellen muss. Oh Mann! Nochmal eine halbe Stunde später gegen 21 h ist er aber endlich hier und ich kann Jumpy müde und erleichtert in die Arme nehmen. Unser rollendes Zuhause ist wieder bei uns! Und es ist sogar noch alles drin! Kommt wohl auch in Kolumbien nix weg!!! Wer hätte das gedacht!

 

 

Wir hängen nochmal einen Tag in Cartagena dran, um in Ruhe Zeit zu haben, Vorräte und den Wassertank wieder aufzufüllen. Beim Einkaufen fällt mir ein T-Shirt ins Auge, sonnengelb mit der Aufschrift „Everything will be okay“. Ich nehme es mit und mir vor, es bei jedem Grenzübertritt zu tragen und mir die Botschaft immer wieder einzubleuen.

Nicht so okay sind die Preise, die uns beim Einkaufen aus den Regalen angucken. Das wird echt teuer! Damit man sich vernünftig ernähren kann, muss man schon auf Importware zurückgreifen. Und da langen sie hier richtig zu. Guatemala war da schon sportlich, aber die drehen hier richtig auf! Angeblich sei Kolumbien ja sooo günstig. Bisher können wir das noch nicht feststellen.

Ein Besuch der HALBINSEL VON BARÚ soll nun ein bisschen Entspannung bringen. Als wir im Garten eines Hostels ankommen, heißt es, wir dürften drinnen und am Pool aber nichts mitbenutzen, weil eine ganze Familie grade alle Zimmer belegt. Ich nehme an, aus Pandemiegründen. Morgen reisen sie aber wohl wieder ab, da ginge es. Wir überzeugen sie damit, dass wir sowieso alles an Bord haben und dürfen bleiben. Naja, fast alles, denn mit der Gasauffüllung unserer durch die Verschiffung leeren Flaschen an einem Sonntag hat es leider nicht geklappt. Das scheint hier in der Gegend und überhaupt in Südamerika eine besondere Herausforderung zu sein. Aber dann essen wir bei der Wärme eben was Kaltes, denken wir da zu dem Zeitpunkt noch.

Erst freuen wir uns über diesen ruhigen Platz, genießen auf der vertrockneten Wiese, die nach Kräutern duftet, das schöne wehende Lüftchen und den Schatten, den eine große Stechpalme bietet. Nach 2 Wochen in Hotels und AirBnBs steht nun also wieder campen an. Nach einem kurzen Abstecher zum Strand PLAYA BLANCA während des Sonnenuntergangs dürfen wir sogar noch das Restfeuer des nebenan wohnenden Mitarbeiters des Hostels für unser Abendessen nutzen.
Soweit, so schön. Als wir aber anfangen, zum gemütlichen Teil des Abends überzugehen, kehrt die hier übernachtende Familie vom Strand zurück und dreht die ohnehin schon seit einer Weile laufende Musik am Pool nun richtig auf. Naja, morgen fahren sie ja angeblich um 6 h morgens schon wieder weg, da wird’s ja heute wohl nicht so lang werden. Denkste! Da kennen wir das Durchhaltevermögen der Kolumbianer aber schlecht! Am Anfang hört man auch noch Geschnatter und Gelächter, dann wird’s immer ruhiger. Aber die Musik läuft immer noch auf vollen Touren. Es ist übrigens immer noch sowas wie Mariachi, auf jeden Fall volkstümliches Gedudel mit Akkordeon, Trompete und ganz viel Pathos. Ich dachte, in Kolumbien kriegt man immer Reggaeton um die Ohren gehauen. Das wär jedenfalls mal was anderes.


Ich kann nicht nur vor lauter Musik, sondern auch vor lauter Aggression deswegen gar nicht schlafen. Um 2 h nachts reicht's mir. Es ist aber nichts mehr von den Leuten zu hören. Na super, die gehen ins Bett und lassen den Blödsinn auch noch laufen, oder was? Wie rücksichtsvoll! Ich gehe müde und genervt zum Pool, um den Lärm abzustellen. Kaum ist Ruhe, sehe ich, dass in der Ecke doch noch ein paar Leute sitzen. Die unterhalten sich nicht mehr, dümpeln da nur so rum. Dass ich die Musik abgestellt habe, wird gar nicht kommentiert, sondern sie ziehen einfach ab und gehen schlafen. Hä? Ohne ohrenbetäubendes Gedudel drumherum scheint ein weiteres Zusammensitzen wohl für sie keinen Sinn zu ergeben. Mir soll’s recht sein.

 

 

Als Torben morgens in der Küche Wasser für den Kaffee kocht, sieht er erstmal, was die Bande für ein Schlachtfeld hinterlassen hat. Alles klebt, alles an Müll, Essensresten, dreckigen Töpfen und Geschirr liegt noch herum. Es ist interessant zu beobachten, wie sich die Mitarbeiter dann ums Saubermachen kümmern. Es wird lieber mehr im Garten Pause gemacht und geschnackt. Man könnte ihnen beim Arbeiten echt die Schuhe besohlen. Irgendwann gehen wir aber lieber an den Strand, den Stress der letzten Wochen im türkisen Meer abspülen. Herrlich! Ich mag das, in die Wellen zu springen und dann auf deren Rückseite auf dem Bauch herunter zu gleiten. Könnte ich den ganzen Tag machen. Ein Spaziergang im weißen Sand durch die Sonne wärmt die noch immer verspannten Muskeln. Und die Erwartung, dass das Hostel heute sonst leer ist, lässt Hoffnung auf eine ruhige Übernachtung aufkommen. Zumal ja auch Wochenanfang ist. Da alle abgereist sind, dürften wir ja nun, wie vereinbart, wohl alles benutzen. Uns das Meersalz unter der Dusche abspülen, Abendessen kochen, die Toilette nutzen. Aber nein, ständig steht ein Mitarbeiter rum, der uns an allem hindert, da die Chefin das wohl nicht will. Aber mit der hatten wir ja nun gestern gesprochen. Nein, nun verbietet sie es plötzlich. Aber dann erlaubt er uns wenigstens, den Spillerduschstrahl am Pool zu verwenden und da das Abendessen schon fast gekocht ist, lässt er uns das auch noch zu Ende führen. Das Kaffeewasser würde er dann aber morgen für uns erhitzen. Und nein, das Ganze hat nichts mit der Pandemie zu tun. Das ist jetzt neuerdings einfach so. Was für ein Schwachsinn! Camper sind hier wohl nicht mehr erwünscht, aber das Geld wollen sie trotzdem…

Und zu allem Überfluss fällt abends wieder eine ganze Horde ein. Natürlich stellen sie am Pool sofort wieder die Musik an und der ganze Lärm von gestern geht wieder von vorn los. Diesmal gehe ich aber gleich hin, spreche mit denen anfangs noch freundlich und regele die Lautstärke runter. Wir sind schließlich auch zahlende Gäste und wenn diese über die Lautstärke entscheiden statt der Hostelbetreiber, dann habe ich offenbar auch Mitspracherecht. Über den Abend geht das Spielchen ganze 4 Mal, dass irgendwann die Musik hochgedreht wird, ich hingehe und sie wieder auf ein erträgliches Maß reduziere. Das passiert dann um 2 h nochmal, so dass ich ein letztes Mal stinksauer dorthin stapfe und sie komplett abstelle und den Stecker ziehe. Sie hätten die ganze Nacht den Kram auf der ruhigeren Lautstärke laufen lassen können, aber nein, diese Stumpfsinnigkeit, uns dabei zu ignorieren und nochmal aufzudrehen. Nee, sorry. Bei dem Lärm hätte ich erneut eine große Party erwartet, aber es hängen hier wieder nur noch 4 Leute stumpfsinnig rum, ohne was zu tun, ohne zu reden. Und kaum ist alles ruhig, ziehen auch sie kommentarlos ab.

So, das war die letzte Nacht hier. Schade, unser erstes Campingerlebnis in Kolumbien hat uns leider keinen so schönen Einstand geboten. Die viel beschworene Warmherzigkeit und Gastfreundlichkeit hat sich im ersten Eindruck außerhalb Cartagenas leider als unfreundlich, abweisend und nervig herausgestellt. Und statt der gewünschten Entspannung sind wir noch zermürbter und müder als vorher.

 

 

Nun wollen wir aber endlich unsere Gasflaschen auftanken, damit uns so eine Kochsituation wie in den letzten Tagen nicht nochmal passiert. Riesige Gasfabriken reihen sich außerhalb Cartagenas aneinander. Aber man darf dennoch nicht seine Gasflaschen dorthin geben und sie wieder auffüllen lassen. Kein Verkauf an Privatleute. Man soll doch bitte auf einen LKW warten, der leere Gaszylinder geladen hat. Dem dürfen wir vor den Werkstoren unsere Flaschen mitgeben, damit er sie dann auf dem Gelände befüllt und wieder mit rausbringt. Si, no, es claro. Das Prozedere dauert ganze 2 Stunden, aber egal, so kann ich mich wenigstens nochmal auf der Couch ausstrecken. Der Füllstutzen an den vielen Autogasanlagen passt ja leider nicht und dieses Unternehmen hat sich wenigstens nicht - wie 10 andere vorher - angestellt damit, dass unsere Flaschen mit einem Adapter zu betanken sind.

Aber dafür erreicht uns eine erfreuliche Mail von Fiona, die gerade mit ihrem Freund ein Ökohotel in der Nähe von Santa Marta aufbaut. Die Vorgeschichte dazu ist geradezu absurd. Torbens Muddi hatte in der örtlichen Zeitung einen Artikel über die beiden und deren Projekt gelesen. Und darüber, dass Fiona aus derselben Gegend in der Nähe von Brake stammt und ihre Familie dort noch wohnt. Dementsprechend hat Torbens Mutter sich die Mühe gemacht, Fionas Eltern bzw. deren Telefonnummer ausfindig zu machen, sie zu kontaktieren und ihnen wiederum von uns zu erzählen. Und wir sind ja nun auch demnächst in der Nähe des Hotelprojekts. Fiona und Helmut waren zu dem Zeitpunkt des Anrufs sogar noch in Norddeutschland und kurz davor, wieder nach Kolumbien aufzubrechen. Kaum deren Kontakt erhalten, haben wir uns mit den beiden in Verbindung gesetzt und nun die Mail bekommen, dass wir herzlich eingeladen sind, als erste Gäste auf dem Baugrundstück zu übernachten.

Auf dem Weg in diese Richtung mühen wir uns zunächst durch den Verkehr einmal quer durch Cartagena. Mühevoll ist dies nicht so sehr wegen der Staus, sondern vielmehr wegen der unzähligen Mopeds, die ganz nah rechts und links an einem vorbeiwuseln, die Straße queren oder sonstwas Unvorhersehbares veranstalten. Grundsätzlich begleitet durch Gehupe, nach dem Motto „Ich hupe, also bin ich und hab Vorfahrt“, oder so. Etwas gewöhnungsbedürftig, das Ganze. In Mexico und Guatemala sind sie ja alle noch ganz zivilisiert gefahren.

Einen Übernachtungsplatz finden wir dann bei dem SCHLAMMVULKAN TOTUMO. Klingt erstmal ganz doll, ist aber einfach ein dreckiger Hügel, der fast künstlich aufgeschüttet aussieht und in dessen Kegel man im Schlamm baden kann. Von dessen Echtheit überzeugt allerdings das schwerfällige „Blllllubbb“, das ab und zu zu hören ist. Darin zu baden wäre vielleicht noch ganz lustig, aber statt einer ordentlichen Dusche stünde im Anschluss nur ein fast ebenso schlammiger See zum Abspülen zur Verfügung. Nee, lass mal. Aber ich für meinen Teil genieße die Tatsache, dass es hier ziemlich wüstig aussieht und einige Kakteen rumstehen. Und nachts läuft wenigstens keine Musik. Vielleicht ist das sogar das Beste daran!!!

 

 

Im weiteren Verlauf kommen wir durch die Gegend vor CIÉNAGA, die geprägt von Fischersiedlungen ist. In den Ländern vorher gab es auch schon viel Bevölkerung, die sehr einfach gelebt hat, aber dennoch wirkte alles sehr friedlich und zufrieden. Diese Örtchen hier haben dagegen eine verwahrloste, ärmliche Ausstrahlung und ich kann in diesem für uns neuen Land noch nicht einschätzen, ob davon eine Gefahr ausgeht. Einfachste Hütten und dazu noch Berge von Müll sind zu sehen. Das Meer und die Lagune als Abfalltonne. Fürchterlich! Die leben doch vom Meer und von Fischen, wie kann man da seine Lebensgrundlage so zurichten? Aber alle haben sie ein Smartphone. News aus aller Welt inkl. Umweltzerstörung scheinen sie aber dennoch nicht zu erreichen. Es wird wohl doch lieber ne Telenovela geguckt oder der Insta-Account gecheckt… Lieber schnell weiter!

 

 

In der Nähe von Santa Marta in den Berghängen direkt an der Küste liegt das Örtchen TAGANGA. Normalerweise ein Partyort mit Sodom und Gomorra, aber jetzt ist ja grade nix los. Nachdem wir ein paar Mal bei Hostels herumgefragt haben, ob wir dort über Nacht stehen dürfen, finden wir eines, das auch einen Stellplatz für uns hätte. Aber der Mitarbeiter weiß mit unserer Campingsituation nichts anzufangen und versucht zig Mal hilflos seine Chefin zu erreichen. Irgendwann fragt dann Torben genervt, ob das Hostel nun Geld verdienen will oder nicht. Da wird er dann wach und wir dürfen für einen quasi selbst gewählten Preis auf dem schattigen Parkplatz bleiben. Und sie haben eine Dusche für uns und einen schönen Überblick über die Bucht. Die Berge hier sind übrigens schon die Ausläufer der Anden. Der Name allein hat schon was Erhabenes und gleichzeitig Erschreckendes, ich denke da einfach unwillkürlich immer an nicht enden wollende Serpentinen…

 

 

Und dann treffen wir auf Fiona und Helmut in BURITACA. Sie laden uns auf ein Mittagessen ein und wir erfahren, dass Fiona sogar in dieselbe Grundschule wie Torben gegangen ist. Verrückt, oder? Und natürlich wollen wir mehr über ihr Projekt hören. Beide waren vorher Flugbegleiter und haben sich vor ein paar Jahren die Idee in den Kopf gesetzt, ihre Reise- und Hotelerfahrungen aus aller Welt in ein eigenes, kleines Ökohotel namens „Finca Cuipo“ mit ein paar Bungalows und Glampingzelten in den unteren Berghängen der SIERRA NEVADA DE SANTA MARTA umzusetzen. Vieles haben sie bisher aus der Ferne gesteuert und sind nun froh, auch vor Ort sein zu können, um den Bau selbst mit voranzutreiben. Den beiden steht nicht nur eine Hoteleröffnung, sondern auch noch eine Geburt bevor. Zwei große „Projekte“ in einem neuen Land, das ist doch mal sportlich! Noch wohnen sie im Hostel unten im Ort, dementsprechend sind wir die ersten, die überhaupt auf ihrem schönen Gelände übernachten.

 

 

Wir können auch einiges berichten, was hier in der Umgebung so lebt: Brüllaffen, Tucane, Aras, Kolibris, jede Menge Schmetterlinge und jeden Tag wird es ein Frosch mehr, der im Pool mit seinen Artgenossen um die Wette quakt. Aber das sind Naturgeräusche, das ist ok. Sonst ist es hier angenehm ruhig und wir genießen den fantastischen Ausblick auf die Karibikküste. Torben macht zwischendurch immer mal wieder den Poolboy und ich arbeite an Fotos und Texten, aber sonst ist es einfach schön, jetzt endlich ein bisschen runterzufahren.

@ Fiona und Helmut: Vielen lieben Dank, dass wir Eure ersten Gäste sein durften! Wir wünschen Euch erstmal noch viel Geduld beim Bau, viel Erfolg mit dem Hotel, eine entspannte Geburt und eine schöne Zeit mit dem Familienzuwachs!

@ Ria: Großartig, dass Du Dich nach dem Lesen des Zeitungsartikels sogar um ein Telefonat mit Fionas Mutter bemüht und uns diesen Kontakt beschert hast! Die Welt ist mal wieder so klein!

 

 

Ausgeruht machen wir uns in Richtung der Karibikstrände auf. Aber zuerst müssen wir die Bergrumpelpiste wieder runter. Ich renne den ganzen Weg in Flip Flops vor dem Auto her, um wenigstens von der Bergabfahrt ein Foto zu machen. Aber davon, dass Jumpy bergauf die Füße hochgehoben hat und die Reifen auf der Steigung durchgedreht sind, ist auf der Talfahrt nichts mehr zu sehen. Dafür hab ich jetzt ordentlich Muskelkater…

Der erste Strand unserer Wahl liegt weit außerhalb vor PALOMINO und wir können uns sogar direkt in den Sand stellen. Jede Menge Kokospalmen wiegen im Wind, das Meer rauscht, Partys sind nicht erlaubt, ein Träumchen! Das Wetter erholt sich auch gerade pünktlich zum Strandbesuch, denn es war die letzten Tage doch ganz schön wolkig. Zu einer Tapetenkulisse gehört schließlich eine ordentliche Portion Sonne, find ich. Wir schlendern den ewig langen Strand entland und freuen uns abends zum Sonnenuntergang über die ebenso ewig lange, faszinierende Rollwolke vor der Haustür. Ich kann auch gar nicht fassen, wie das manchmal so hinkommt, dass wir Phänomene wie diese zu sehen bekommen.

 

 

Da wir aber noch nicht genug Palmen zu Gesicht bekommen haben, geht’s nach ein paar Einkäufen zum PLAYA LOS ÁNGELES. Wir dachten schon, der letzte wäre ein Knaller, aber hier haut einen ja allein schon die Auffahrt durch einen wunderschön angelegten, weitläufigen Palmenhain um. Ist das toll! Diese Farben! Wir dürfen uns ganz nah des Strands unter die Kokospalmen stellen, ein gelb-blauer Ara krächzt vom Baum nebenan und auch hier lullt das Wellenrauschen angenehm ein. Das Areal ist sogar so groß, dass man ein bisschen rumstrolchen kann. Ein Mirador bietet einen herrlichen Ausblick über den Strand und das Meer auf der einen Seite sowie die dicht bewachsenen Berge auf der anderen. Und auch diese Kulisse lädt zu einem langen Spaziergang am Wasser ein. Vielleicht ist schon jemandem aufgefallen, dass ich Palmen mag…

 

 

Von hier aus machen wir uns auf in den NATIONALPARK TAYRONA. Mopedtaxis bringen uns zum Eingang. Statt des Helms hätte ich von der Passform her auch eine Suppenschüssel aufsetzen können, aber hinten drauf über Hubbel und Kurven zu fahren, ist schon ziemlich lustig! Und der Fahrtwind ist warm! Um 8 h morgens an einem 11. März! Mit T-Shirt! Es ist sooo schön, nicht zu frieren!!! Diesen Winter über hat es doch sehr gut geklappt, der Kälte zu entfliehen!

Der Trail führt über steile Hügel durch den Dschungel, über große Felsbrocken, durch Mangrovenwälder und vorbei an mächtigen Bäumen mit ganz breiten, ausladenden Wurzeln. Und ganz wie Tarzan auf einer Liane schaukeln kann man hier auch. Bis man den ersten Strand erreicht, dauert es schon eine Weile, aber die Landschaft ist richtig schön. Und dann geht es immer noch gefühlte Ewigkeiten weiter. Die Sonne bollert ordentlich! Mit meinem Muskelkater fühlt sich die Strecke noch weiter an… Immer wieder kommen wir an hübschen Buchten vorbei, aber der absolute Knaller liegt natürlich wieder am weitesten entfernt. Die schönsten Erlebnisse sind ja doch oft recht mühselig… Aber dann erreichen wir endlich den PLAYA CABO SAN JUAN. Mann, ist das toll! Charakteristisch ist ein Palapa, das auf ein paar Felsen über einer malerischen, palmengesäumten Doppelbucht thront. So Leute, für den Moment genug geschrieben, ich muss erstmal im Paradies baden! Juuuhuuuu, ist das schöööön!

 

 

Nachdem wir diese Landschaft so gut aufgesaugt haben wie möglich und einige Leute beim „Tag der gleichen Badebüx“ bewundert haben, müssen wir den gesamten Weg wieder zurück. Um 17 h macht der Nationalpark dicht, also los. Diesmal lassen wir uns etwas mehr Zeit für Pausen zwischendrin, aber der Weg wird doch wieder sehr lang. Ein bisschen vermisse ich bei so viel Dschungel die Tierwelt, denke ich grade noch, da springen ein paar nur in dieser Region vorkommende Santa Marta Kapuzineraffen durch die Bäume und lassen sich durch uns überhaupt nicht abschrecken. Wir können ganz nah ran, so dass wir sie theoretisch streicheln könnten. Toll! Mücken und die nervigen, kleinen Beißfliegen, die am Strand noch so dicke Quaddeln verursacht haben, scheinen in diesem Park dagegen überhaupt nicht vorzukommen, trotz des vielen Waldes. Hätte ich mir die lange Hose bei der Hitze auch sparen können… Wie man’s macht…

 

 

Am nächsten Morgen verabschieden wir uns beim Kaffee von der Karibik. Ein paar Mal hatten wir sie ja in verschiedenen Ländern vor der Haustür. Tschüss, das war echt fantastisch hier!

Wir wollen schon fast los, da treffen wir auf Paola, die eigentlich aus Kolumbien stammt, aber die letzten 20 Jahre in Deutschland gelebt hat. Sie ist dabei, sich gerade wieder ein Leben hier aufzubauen. Sie gibt uns etliche gute Tipps für das Land und vergisst darüber glatt ihr Frühstück. Wir waren uns nicht sicher, welche Routenführung sich mehr lohnt, da man überall zwischendrin immer wieder über die Andenkordillieren muss. Man kann da nicht mal eben, wie man will und muss sich schon vorher überlegen, wie man die Sehenswürdigkeiten am besten kombiniert. Paola kümmert sich sogar noch um unsere Drohne, da die meist nicht das tut, wie sie soll und daher bisher kaum zum Einsatz kam. Aber nun kann sie hier nochmal eine Runde über der Landschaft drehen.

@ Paola: Lieben Dank für Deine vielen Tipps. Sie kamen gerade im richtigen Moment! Alles Gute für Deine Rückkehr ins kolumbianische Leben!

 

 

MINCA und dessen Umgebung soll sehr schön sein. Früher Guerilla-Gegend und heute beliebtes Ausflugsziel der Leute aus der Gegend. Wir fahren dementsprechend zu einer Kaffeefinca in der Region hoch. Vielleicht wird’s in Kolumbien ja was mit nem lecker Erlebnis mit dem schwarzen Gebräu. Deren lange Auffahrt wird gesäumt durch beeindruckend hohe Bambusbüsche. Die Finca selbst liegt eingebettet in den Bergen an einem Fluss. Den benutzen sie sogar mit einem Rohrsystem dafür, ihre Kaffeefrüchte sowohl von den Feldern zur Finca als auch von einem Bearbeitungsschritt zum nächsten zu transportieren. Die Ernte ist hier aber bereits abgeschlossen, da dies noch nicht die typische Anbauregion ist. Dafür tragen die Pflanzen schon wieder Blüten und kleine Kaffeebeeren. Und wie ist nun der Kaffee? Naja! Das übliche Spielchen, das Beste wird exportiert…

Wir dürfen auf deren Gelände für diese Nacht stehen. Torben meinte neulich noch, dass er schon lange keine Grillen mehr gehört hat, die erst wie ein EKG und dann wie ein 56k-Modem klingen. Die fanden wir ja in Palenque ganz lustig, wenn sie auch unglaublich laut sind. Das zumindest würde ja zu diesem Land passen. Und siehe da, hier sitzen sie in den Bäumen. Zu Scharen. Und sie machen standesgemäß richtig Lärm und wir staunen, was so kleine Tierchen an Geräuschen produzieren können. Aber wenigstens sind sie nachts ruhig.

 

 

Und da wir am nächsten Tag noch bis nachmittags darauf warten müssen, dass die Wäscherei unsere Klamotten fertig hat, bleiben wir noch eine Übernachtung in der Minca-Region. Wieder geht’s durch immens hohe Bambusbüsche und über bucklige Pisten zu einem Hostel, das ziemlich abgeschieden liegt. Der schöne alte Baum neben dem wir dann stehen und die hiesige Pflanzenwelt beherbergen hier sogar so viele von den lauten Grillen, dass es richtig in den Ohren schrillt. Faszinierend, aber damit werden die Leute hier jeden Tag als Standardgeräusch beschallt. Meine Güte, da wird man ja taub bei! Und trotzdem: So viele „Modems“ und doch kein Netz… Wie so häufig.
Eine kleine Wanderung über schmale Trampelpfade beschert uns dann im goldenen Nachmittagslicht noch einen Überblick über die Gegend bis runter zur Küste.

Eine Dusche ist erst am nächsten Morgen möglich, weil abends mal wieder kein Licht funktioniert. Nicht wegen Stromausfall, sondern einfach wegen mangelnder Wartung. Wenn man den Wasserhanh am Waschbecken dreht, dreht man den ganzen Hahn mit und es kommt doch nicht wirklich Wasser raus. Und in der Dusche liegt einiges an Sand. Das Wasser muss auch erst ein bisschen laufen, damit es nicht mehr metallisch braun ist und als es dann auch den Sand weggespült hat, trete ich auf etwas Hubbeliges. Als ich runtergucke, sehe ich überhaupt erst, dass da ein bereits toter Frosch liegt. Und auf den bin ich dann auch noch draufgetreten. Buuuuaaaah! Naja, und dass das Wasser kalt ist, brauche ich wohl auch nicht mehr zu erwähnen. Das ist hier ja sowieso Standard… Warum macht man sich so wenig aus Dingen, die mit ganz wenig Aufwand und wenig Geld auch schnell repariert, sauber gemacht oder sonstwie einfach mal hübsch gemacht werden könnten? Wenn wir nicht in diesen Ländern immer gereinigtes Trinkwasser für unseren Wassertank kaufen würden, ich würde auch häufiger lieber unsere eigene Dusche nutzen. Aber dieser konkrete Fall hier ist schon besonders gewöhnungsbedürtig.

 

 

Nun düsen wir auf geraden Strecken (die ich noch auskoste, bevor es gebirgig wird…) Richtung Süden. In dem kleinen Dorf EL PASO etwas abseits der Hauptroute fragen wir bei einer Familie, die gerade draußen mit der gesamten großen Bande feiert, ob sie was zum Übernachten wüssten. Sie freuen sich, dass wir hier sind und als sie erfahren, dass wir aus Deutschland kommen, fangen alle an zu jubeln und zu grölen. Überall Lachen und Daumen hoch! Besuch aus weiter Ferne, das kommt hier wohl sonst nicht vor. Wir sind auf jeden Fall ganz baff! Sie verweisen uns auf den Hauptplatz, wo uns auch die dort ansässige Polizei das OK für die Übernachtung gibt. Die Kinder der feiernden Familie kommen hinterher und einer der Jungs zeigt uns stolz seine Akkordeon-Künste. Wir filmen und fotografieren uns gegenseitig. Das ist mal eine spontane, lustige Aktion. Wir scheinen überhaupt die Attraktion des Tages und Dorfgespräch zu sein, da ein paar Leute auf uns zukommen. Wir sollten doch bitte das dortige Museum besuchen oder einen weiteren Akkordeon-Spieler bewundern. Die Hitze des Inlands lässt uns aber einfach nur eine Runde durchs Dorf drehen. Manche halten ein Nickerchen in ihrem Stuhl, mache sitzen mit der Familie vor der Tür und eine Herrenrunde nimmt ihr Domino-Spiel extrem ernst.

Alles ganz entspannt, denken wir erst noch. Die Musik, die sie in moderater Lautstärke vor den Minisupermärkten spielen, wird ja wohl hoffentlich dann auch zu Feierabend aus sein. Und dann irgendwann drehen sie alle richtig auf. Aus einem Innenhof dröhnt es extrem heraus und vor dem Supermarkt reicht es den davor sitzenden Leuten auch nicht mehr, das Gedudel nur leise zu hören. Was soll ich sagen, überall schon wieder so’n Mariachi-Kram aus dermaßen laut überdrehten Boxen, dass es verzerrt scheppert. Das kann doch wohl nicht wahr sein! Naja, es ist ja Sonntag, vielleicht treibt das die Leute wegen des nahenden Wochenanfangs ja hier dann früher ins Bett. NEIN! Kein Stück! Im Gegenteil, das Wochenende muss gefälligst bis auf die letzte Minute ausgekostet werden und ob man am nächsten Tag müde zur Arbeit geht, scheint bei der hiesigen Arbeitsmentalität ja auch keine Rolle zu spielen… Die Stunden gehen ins Land, der Abend wird immer später, die Musik läuft weiter auf vollen Touren. Wir gehen im Innenhof mal gucken, was das eigentlich für eine riesige Party ist, die da stattfindet. Gar keine! Zwei Leute spielen Billiard und zwei sitzen stumm rum. Mehr nicht! Und der enorm große Lautsprecher ist nicht zu denen, sondern direkt auf den Dorfplatz gerichtet. Von dem Lärm bekommen die selbst gar nicht so viel mit. Isses zu fassen! Um Mitternacht immer noch kein Ende in Sicht und wir haben nun seit 8 Stunden (!!!) unfreiwillig dieser Psychoterrormusik zugehört und sind mittlerweile etwas verzweifelt. Einen richtigen Ausweichplatz zum Schlafen scheint es auch nicht zu geben. Torben bringt die Leute aus dem Innenhof wenigstens dazu, die Musik etwas runter- und den Lautsprecher zu sich hin zu drehen. Dann geht’s einigermaßen. Bei der Hitze ist an ein Schließen des Dachs und des Schlafens unten nicht zu denken, um den Lärm besser abzuschirmen. Irgendwie und irgendwann drömeln wir aber dann doch ein.

 

 

Gerädert sehen wir am nächsten Tag zu, dass wir weiter kommen. Die Straßen werden kurviger und ständig fahren langsame LKWs vor einem, die wegen der schlechten Straßenübersicht auch jeweils lange nicht überholbar sind. Und dann geht’s richtig in die Anden, Serpentine um Serpentine die Berge hoch. Das Ziel ist der Nationalpark Los Estoraques. Wir fahren bei einem nahe gelegenen Restaurant auf den Hof, das sonst Overlander auf dem Rasenplatz beherbergt. Ist aber keiner da, das Restaurant scheint generell derzeit nicht im Betrieb zu sein. Da kommt die Nachbarin aus dem Haus, guckt uns ganz grimmig und skeptisch an, was wir hier wohl wollen. Campen! In Pandemiezeiten? Ja, Reisen ist möglich und man soll hier stehen können. Wo wir denn her kämen? Deutschland! Ach, Du Scheiße (ja, Nachrichten über unser Land kommen auch hier an…)! Aber wir sind schon seit ein paar Wochen hier in Kolumbien! Ach, na dann! Wo wir das denn her hätten mit der Übernachtung? Aus dem Internet! Hm, sie müsste erstmal telefonieren… Und dann dürfen wir doch tatsächlich reinfahren. Mannomann! Die einen kippen fast vor Begeisterung vom Stuhl, wenn man vorbeikommt und die anderen müssen sich einen Knoten in die Seele machen, um uns 10 Meter neben ihrem Haus zu ertragen. Man merkt hier doch schon sehr, bei wem die konstant negative mediale Berichterstattung über die Pandemie Wirkung zeigt und wem sie völlig wurscht ist, bzw. wem dabei die Freundlichkeit dabei nicht abhanden kommt! Aber der Hausdrache nebenan scheint die ganze Familie so borstig zu behandeln. Jeder, der was für Madame tun soll, wird laut brüllend über den Hof beordert. Puh!

Abgesehen davon ist es aber durchaus angenehm hier. Und die Restaurantbesitzer tauchen auch irgendwann auf und lächeln zumindest zutraulich. Beruhigend, dass hier nicht jeder so drauf ist, wie die Nachbarin. Obwohl die kleine Schlenderrunde durch den kleinen, hübschen Ort PLAYA DE BELÉN (nein, kein Strand in Sicht) mit weißen, gedrungenden Kolonialstilhäuschen durchaus zeigt, dass Lebensfreude und Herzlichkeit auch nicht unbedingt Lebensmotto hier sind. Sind irgendwie alle recht schüchtern und verhalten. Ist es wegen Corona, ist es Grundeinstellung? Können wir nicht beurteilen. Jedenfalls ist es für die uns bisher bekannten lateinamerikanischen Verhältnisse ungewöhnlich.

 

 

Nach einem gemütlichen Nichtstu-Tag starten wir unsere Wanderung in den NATIONALPARK LOS ESTORAQUES. Dieser besteht aus unzähligen Felsnadeln, die an die „Hoodoos“ im Bryce Canyon erinnern. In sandbeige, gelb, grau und fast weiß. Mal ermöglichen Wege bis hoch auf die Spitze der Nadeln einen spektakulären Blick herunter, mal läuft man unten und guckt staunend hoch. Mal stehen die Felsen gerade aneinandergereiht wie die Orgelpfeifen, mal wiederum in einem engen Kreis, in den man reinwandern kann. Dazu eine wunderbare Ruhe! Keine Musik weit und breit! Das letzte Erlebnis dazu steckt uns wohl noch ein bisschen in den Knochen…

Die Landschaft ist jedenfalls richtig schön, die Temperaturen sind sehr angenehm und die Sonne scheint leuchtend auf die Felsen. Fotos von dieser Gegend habe ich bisher nur mit bedecktem Himmel gesehen. Schwein gehabt!

Nur die Leute finden wir etwas putzig. Auch zum Abschied kriegen sie nicht mehr zustande als ein schüchternes Lächeln. Kein „Adios“ oder „Buen viaje“. Kein Ton! Das Geld nehmen sie natürlich gern. Na denn…

 

 

In BUCARAMANGA dagegen sind die Menschen wieder der Sprache mächtig. Ein argentinisches Steak-Restaurant lässt uns auf seinem Grundstück stehen und macht für uns sogar die Küche auf. Mal wieder ein richtig schönes, dickes Steak! Lecker! Es gibt ja in Lateinamerika bisher fast nur dünn geschnittenes Rindfleisch.

Gleich nebenan liegt eine Paragliding-Schule, da in den Höhenzügen um die Stadt herum fast das ganze Jahr beste Bedingungen für diese Freizeitbeschäftigung herrschen. Eigentlich wollen wir auch nur mal vorbei gucken. Tja, und dann meint Torben, dass wir das doch gleich jetzt mal ausprobieren sollten. Äh, pffff, öööh, ja, warum eigentlich nicht?! Beim Ausfüllen des Formulars vorweg mit allen Risiken und Nebenwirkungen frage ich mich zwar, warum ich das jetzt nun wieder mache, aber dann guckt man wieder den anderen zu und sieht, dass das ja alles ganz geschmeidig ist. Und schwupps, stehen wir auf der Rasenfläche, bekommen jeweils den Tandemsitz und den Paragliding-Profi gleich mit umgeschnallt und los geht’s. Der Wind weht in den großen, bunten Schirm, ein paar Schritte laufen und schon fliegt man über die Gegend! Hahaha! Das ist lustig! Gerade, weil das am Anfang auch alles noch etwas schaukelt, bis man sich eingependelt hat.

Da schweben wir nun, auf gleicher Höhe wie die Aasgeier! Zur einen Seite liegt die Stadt, zur anderen die Landschaft mit den Bergen dahinter und die Sonne wirft ihre Strahlen wie Scheinwerfer durch die vereinzelten Wolken, so als ob sie jemanden vom Boden hochbeamen wollte. Torben segelt auch mit seinem Piloten vorbei. Wir winken uns zu und er versucht, auf unserem Schirm zu laufen. Klappt sogar, aber unseren Schirm interessiert das gar nicht, sondern er gleitet unbeirrt durch die Luft. Überhaupt ist es erstaunlich, wie stark einem der Wind entgegenpustet, man aber trotzdem an einer Stelle am Himmel stehen bleiben kann.

Zum Abschlus gibt’s noch ein paar Extra-Schaukelrunden à la Achterbahn nur ohne Überschlag und dann segeln wir behutsam wieder dem Erdboden entgegen. Wir waren bloß 15-20 Minuten unterwegs, aber es fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Das war echt ein grandioses Erlebnis, das im Grinsen noch den ganzen Abend anhält!!!

 

 

Wir haben uns in den Kopf gesetzt, den Nationalpark El Cocuy anzusehen. Dafür muss man aber, wenn man nicht viel zu lange Umwege fahren möchte, Offroad über die Berge. Soweit, so gut. Aber sie erzählen uns alle, dass das auch noch z.T. ganz eng ist und man kaum Platz zum Passieren anderer Fahrzeuge hat. Und nach meiner Vorstellung ist das bestimmt auch noch furchtbar steil. Mit schlimmsten Erwartungen meinerseits an die Strecke fangen wir an, uns in die Höhen zu schwingen. Und siehe da, doch alles machbar! Die rumpelige „Qualität“ des Weges lässt nur eine Geschwindigkeit von 20 km/h zu und wir zockeln voran. Ab und zu kommt zwar einer entgegen, bleibt mitten auf der Strecke stehen und scheint zu erwarten, dass man weit den Abhang runterfährt, um ihm Platz zu machen, obwohl die Ausweichbucht direkt bei denen liegt. Wenn man aber genauso stumpf einfach stehen bleibt, kapieren sie dann doch irgendwann, wie das hier funktioniert. Je höher wir kommen, umso pottendicker wird der Nebel oder die Wolken. Wenn man drin steckt, macht das keinen Unterschied. Kaum Sicht bleibt kaum Sicht. Nach 4 Stunden für schlappe 80 km kehren wir bei einem Tante-Emma-Laden auf den Hof. Das Haus mit dem Drumherum sieht ganz hübsch aus, und sie haben eine große, freie Fläche davor, auf der wir hoffen, die Nacht verbringen zu dürfen.

Es wird gerade mit ein paar wenigen Leuten eine Hochzeit auf der Terrasse gefeiert. Die Musik der Live-Band ist sogar erträglich. Die Besitzer des Ladens lassen uns hier gern stehen und Musik erlaubt die Polizei auch nicht länger als 20 h, dann sei Ruhe. Das wollen wir so gern glauben, da wir den Platz sonst für ziemlich ideal halten. Um kurz nach 18 h ist die Feier sogar bereits beendet und die Band packt ihre Sachen. Wir fangen gerade an, uns zu freuen, da beginnt die Familie, die Reste der Feierlichkeiten aufzuräumen und dabei ihren eigenen, schon wieder überdimensionalen Lautsprecher auf volle Dröhnung aufzudrehen, dass es auch hier scheppert und verzerrt. Und der ist wieder nicht auf sie selbst, sondern aus dem Fenster raus in den Hof zu uns gedreht. Wir können uns beim Abendessen im Auto förmlich nur anschreien, um uns gegenseitig zu verstehen. Ach ja, es handelt sich wieder um Mariachi-Musik! Natürlich! Das dieser unsägliche Geschmack so dermaßen generationen- und länderübergreifend sein kann! Vollkommen unverständlich! Durch die diversen Vorgeschichten dazu in diesem Lande steigt unser Aggressionslevel ziemlich rasant an. Sag mal, sind die noch ganz dicht?!?!?! Wir fragen an, ob sie das wirklich ernst meinten mit 20 h Ruhe und ob sie das Ganze etwas leiser drehen könnten, das wäre ja wie auf einem Konzert hier. „Wieso, ist doch schön!“… Verzweifelt klettern wir wieder ins Auto und warten sehnsüchtig auf die genannte Uhrzeit. Und dann…. tatsächlich… seelige Stille. Naja, fast, der Haus- und Hofköter muss selbstverständlich, jetzt wo man ihn wieder hören kann, auch nochmal ne halbe Stunde kläffen. Aber dann ist Feierabend! Puh! Wir hatten schon wieder das Schlimmste befürchtet…

 

 

Bei Sonnenschein krüdeln wir dann wieder den Berg hinunter auf die andere Seite. Erst sieht es noch ziemlich österreichisch aus mit den Almen, Berghütten und Kühen, aber dann wird’s auch schon wieder wüstiger und wir fahren an großen Kakteen und vertrockneter Landschaft vorbei. Auf einem alten Fußballfeld neben einer Offroadpiste finden wir ein ruhiges Plätzchen, auf dem ich dann feststelle, dass wir den 21. März haben. Heute - zumindest nach unserer Zeitrechnung - haben wir nun den ersten Jahrestag der Pandemie. Das war das Datum, an dem die Pyramiden von Palenque den ersten Tag ihre Pforten geschlossen hatten und wir dann erstmal im Dschungel festsaßen.

Tja, ein Jahr „Schnutenpullis“, Sicherheitsabstand und Restriktionen. Und eine groteske Ansammlung von Absurditäten wie: Von China, wo die Menschen vorher auch schon aus Angst vor Krankheiten mit Mundschutz rumgelaufen sind, geht ein Virus aus, der die ganze Welt in Massenhysterie versetzt und nun verdienen sie dort am Verkauf von Masken u.ä. Und jetzt rennen alle mit den Dingern rum. Demokratische Länder machen Grenzen dicht und lassen die Bevölkerung z.T. mit Ausgangssperren begrenzt oder nur mit Erlaubnis raus. Ein Staat schreibt vor, wieviele Leute man treffen darf und greift bis ins kleinste Detail in privates Verhalten ein. Klar müssen einige Dinge auch offiziell geregelt werden, aber alles? Was soll dabei denn rauskommen, wenn sich die Menschen langsam daran gewöhnen…? Ganze Verfassungstexte werden umgeschrieben, damit solche diktatorischen Maßnahmen auch noch legitimiert werden. Da kann man nur hoffen, dass das in der Zukunft nicht falsch für andere Zwecke ausgenutzt wird… Antibakterielles Gel, das gegen einen Virus verteilt wird, aber keiner fragt mal nach, ob das auch ein Viruzid für diesen konkreten Fall ist. Eine Menschheit, die brav alledem folgt, weil die Medien jeden Tag tausendfach dramatisch Angst und Panik verbreiten, weil sich negative Schlagzeilen nunmal besser verkaufen als gute, was allein ja schon die menschliche Psyche gebietet, die ganz anarchisch aufs Überleben ausgerichtet ist und damit Gefährliches i.d.R. vermeiden möchte. Und Angst reduziert nunmal das Immunsystem, macht also noch anfälliger für so nen Virus. Ebenso die ständige mentale Fokussierung auf so ein Thema. Gleichzeitig liest man Statistiken aus Kolumbien, die von einer 98% igen Genesungsrate bei Corona sprechen und bei den restlichen 2 % ist auch nicht gesagt, ob jemand nun an Corona selbst verstorben ist oder eigentlich an was anderem, aber nebenbei auch Corona hatte; und diejenigen, die noch Folgeschäden haben, aber vielleicht gar nicht so dramatische, aber in dieser Ziffer dennoch mitgezählt werden. Und wie viele Ärzte werden zur Behandlung von COVID-Fällen von anderen, auch wichtigen Behandlungen in Krankenhäusern abgezogen, so dass letztere Patienten dann evtl. auch versterben, aber eben in keiner Corona-Statistik auftauchen. Klar gibt es bei Corona auch Todesfälle und Langfristschäden zu beklagen, das gibt’s aber auch bei langfristig schlechter Ernährung, zu viel Alkohol, Rauchen oder anderen Krankheiten. Wird deswegen Tabak, Schnaps oder Zucker verboten? Nein. Da setzt man auf Aufklärung und Eigenverantwortung. Nach einem Jahr mit Corona sollte man doch eigentlich verstanden haben, dass man auch einfach selbst ein bisschen schauen muss, wie man dem ganzen vorbeugt und zusätzlich auch noch sein Immunsystem in Schuss hält. Klar gibt das keine 100% ige Garantie, aber wo gibt’s die schon, das ist ja schließlich das Leben…! Dass der Staat jeden Handschlag kontrolliert, kann ja auch nicht die Lösung sein... Gerade auch, wenn alle eingesperrt sind und nicht mehr selbst ein Gefühl dafür entwickeln können, wie gefährlich es nun eigentlich wirklich da draußen ist, sind ja alle auf Informationen von außen angewiesen. Und die sind ja nunmal alle negativ und angstmachend. Davon, dass die allermeisten wieder ganz klassisch ohne jegliche Behandlung nach ein paar Tagen wieder gesund werden, spricht ja irgendwie keiner. „Entscheidungen für die Gesundheit und das Leben“, so werden ja die ständigen Lockdowns begründet, als würde jede Begegnung mit anderen auch automatisch ein Todesurteil bedeuten. So darf man dann in Deutschland auch nicht mal im eigenen Landkreis rumreisen, aber nach Malle wiederum ist natürlich erlaubt... Und warum sind manche Länder überhaupt anfälliger als andere? Gibt’s darauf eigentlich eine Antwort? Auch wenn es sicher extrem schwer ist, die „richtigen“ Entscheidungen zu treffen. Irgendwer, irgendwas kommt ja doch zu kurz. Und wieviele Menschen leiden an den Folgen der Lockdowns und Einschränkungen, aber nicht an Corona? Auch das ist unheimlich schwer, gegeneinander aufzuwiegen (kann man das überhaupt?) und ich bin froh, selbst dafür keine Ansagen machen zu müssen. In den lateinamerikanischen Ländern, in denen wir uns währenddessen aufgehalten haben, ist jedenfalls keine Hysterie vorhanden. Vorsichtsmaßnahmen ja klar, aber insgesamt deutlich nachvollziehbarer als was derzeit in Europa los ist. 

Alle wollen nun verständlicherweise wieder zurück zum „Normalen“, aber trotzdem kann es ja wohl so wie vorher mit der Welt auch nicht weitergehen. Immer höher, schneller, weiter. Wo soll denn das noch hinführen? Statt dessen vielleicht mal wieder Luft holen! Wie passend bei einer Krankheit, bei der man im schlimmsten Fall diese wohl nicht mehr bekommt…

Am Anfang, als wir noch in Mexico waren, gab es die ersten Monate für uns Restriktionen, danach aber weitestgehend nur noch, was die Grenzen angeht. Masken, Abstand, etc. sind natürlich weiterhin Standard. Derzeit sind die Landgrenzen zu allen anderen südamerikanischen Staaten noch dicht. Aber man darf in diese Länder aus aller Welt reinfliegen und der Güterverkehr rollt frei über die Grenzen. Nur Privatverkehr darf nicht rüber, als wären die paar Leute die Masse. Verrückt! Wir können in Kolumbien (übrigens auch ein Hochinzidenzgebiet und trotzdem arten die Maßnahmen hier nicht ganz so irre aus) unseren Aufhenthalt nochmal um 3 Monate verlängern, aber was wir dann machen, werden wir dann sehen. Wir haben ja gelernt, dass Pläne machen überhaupt keinen Sinn ergibt und lassen uns dementsprechend überraschen. Irgendwie wird’s schon weitergehen! Bisher können wir uns jedenfalls wirklich nicht beschweren, auch wenn wir ja jetzt eigentlich bereits in Neuseeland wären nach der ganz ursprünglichen Idee… Das sollte mal eine Weltreise werden… Wir mussten und müssen uns auch immer wieder auf diese merkwürdige Situation einstellen. Das kommt noch hinzu zum täglich sich neu auf verschiedene Umgebungen und Leute anzupassen. Und wir haben lernen müssen, nicht mehr so schnell zu reisen. Dies bekommt uns sehr gut, so dass wir jetzt auch sehr freiwillig vergleichsweise langsam unterwegs sind. So haben wir auch mehr Zeit, Leute kennen zu lernen. Und egal, wen wir treffen, sie sind allesamt der gleichen Meinung wie wir.

 

 

Wir haben jedenfalls beschlossen, uns die Zeit schön zu gestalten, diesmal mit Folgendem: Eine Holperpiste durch einen wüstigen Canyon hochzufahren, der uns an unsere Omanreise erinnert. Und dadurch, dass die Piste neben einem Fluss entlang führt, ist es auch nicht so kurvig. Es kann also auch mal angenehm von etwa 1.100 m auf 3.200 m hochgehen. Im Örtchen EL COCUY schnell noch Vorräte und Wasser auffüllen für die nächsten Tage in der Pampa und dann stellen wir uns zur Akklimatisierung an die Höhe erstmal zwei Tage auf ein altes Basketballfeld (ehemalige Sportplätze steigen als Übernachtungsplatz gerade sehr auf unserer Beliebtheitsskala). Auch temperaturmäßig müssen wir uns erstmal ganz schön umstellen, denn hier haben wir nachts grade mal 3-5 Grad. Und die Höhe verursacht irgendwie, ständig Pipi zu müssen. Merkwürdig. Vielleicht soll man auch deswegen hier oben so viel trinken… Wir genießen trotzdem den Ausblick vor unserer fahrenden Almhütte über die weite Berglandschaft, eingemummelt in Decke und Schaffell. Und jetzt eine schöne Jausenplatte mit lecker Schinken, Käse und vernünftigem Brot…! Das wär’s! Leider haben sie für all dies auch in diesem Land kein Händchen… Aber dafür werden hier ganz klischeeartig an Wegesgabeln die Milchkannen der vereinzelten Hüttenbewohner aufgestellt. Der kleine Laster, der diese austauscht, hält hier also wörtlich an jeder Milchkanne…

@ Toddy: …und nicht nur in Sprötze…

 

 

Wir fühlen uns nun so einigermaßen gewöhnt an die Höhe, um es mit Wanderungen auf 3.800 bis 4.000 m im NATIONALPARK EL COCUY aufzunehmen. Schnaufend zwar, aber es geht. Der österreichische Eindruck der Landschaft weicht dem der schottischen Highlands, um dann am Ende aber doch wieder in eine einzigartig kolumbianische Natur zu wechseln. Denn hier stehen die sogenannten „Frailejones“, eigentlich Korbblütler (falls das irgendwem was sagt), für mich sehen sie aber sehr kakteenartig aus und haben damit meine größten Sympathien. Da ihr Name dem spanischen Wort „frijoles“ für Bohnen ähnelt, führt ihr Anblick dann der Einfachheit halber auch zu begeisterten Ausrufen wie „Oh, guck mal, Bohnen!“. Ganze Areale sind von ihnen besiedelt. Mal können wir von unserem Pfad darauf heruntersehen, mal direkt zwischen den z.T. mannshohen Exemplaren herumstapfen. Und drumherum wabert der Nebel, der manchmal alles umhüllt, um dann Sekunden später wieder die Sicht auf große Gebiete freizugeben. Sehr schön ist das hier und keine Menschenseele weit und breit. Es ist unglaublich ruhig und friedlich. Irgendwann stellt sich aber noch Gewittergrollen ein. Erst denken wir, es müsste mit dem Wind weiterziehen, aber dann grummelt es doch laut direkt über uns. Ui, doch lieber schnell umdrehen! Ist ja auch nix geschützt hier, wir laufen auf freier Fläche. Aber fix den Berg wieder hoch ist nicht so einfach bei der Höhe. Da wird’s einem doch ganz schön schwindelig. Aber dann erreichen wir Jumpy doch noch rechtzeitig. Wörtlich in der Sekunde, wo wir wieder im Auto sitzen, fängt’s richtig an zu regnen und dann auch noch zu hageln. So’n Dusel wiedermal!

 

 

Um auf einen guten Ausgangspunkt für die morgige Wanderung zu kommen, fahren wir noch ein Stückchen auf verschneiten bzw. verhagelten Wegen. Die angepeilte Gasthütte ist derzeit verlassen, also wird ja wohl auch keiner was dagegen haben, wenn wir uns neben den Eingang stellen. Kaum geparkt, lockern sich die Wolken auf und bieten schonmal einen tollen Anblick auf die SIERRA NEVADA DEL COCUY mit über 5.000 m hohen Bergspitzen und Gletschern. Ganz bequem können wir uns dies mit einer schönen heißen Tasse Tee von unserer Couch aus ansehen und genießen. Schlechtes Wetter kann auch mal ganz eindrucksvoll wirken!

 

 

Am nächsten Morgen hat die Sonne schon viele der Wolken weggeschmolzen und sie leuchtet gleißend auf die verschneiten Gipfel. Sieht gleich ganz anders aus. Von hier aus ist es nicht mehr weit zu einem Mirador mit Ausblick über ein Tal und zu einem weiteren Wanderweg in genau dieses hinein. Den Berg hinab ist natürlich erstmal alles angenehm, die Sonne scheint, es ist sogar richtig warm geworden und es gibt wieder viele „Bohnen“ zu sehen. Und dann, genau im richtigen Moment, geben die Wolken die Sicht frei auf den „Pulpito del Diablo“ und den „Pan de Azúcar“, eine charakteristische Gipfelformation. Weiter höher des Wegs wären wir noch zu weit entfernt gewesen, weiter bergab hätte der Winkel nicht mehr gestimmt. Wie das wieder passt! Denn hier ist es so, dass man frühmorgens noch die Chance auf Wolkenfreiheit hat, den Rest des Tages aber alles zuzieht, hier und da mal die Sicht frei, aber sonst doch viel bedeckt ist.


Da dieselbe Strecke zurückzulaufen ist und damit den ganzen Berg wieder hoch, stärken wir uns in einer Hütte mit Agua Panela (einer Art Rohrzuckertee) und Käsebrot. Der Tee ist prima, aber beim Brot wird einfach nur ein trockenes Brötchen aus einer Tüte geholt und ein langweiliges Stück Käse obenauf gelegt. So sieht dann eine kolumbianische Jause aus... Ich sag ja, sie können das nicht…
Dafür sitzt ein indigener Reiter vom Volk der U’wa mit in der Hütte und bringt uns anderen einige Wörter in seiner Stammessprache bei. Das ist auch irgendwie absurd. Und die wiederum wissen jetzt, wie man „tschüss“ sagt…

 

 

Früh am Morgen sehen wir zu, dass wir sogar noch kurz vor 7 h loskommen, um rechtzeitig auf einem weiteren Mirador zu sein, bevor die Wolken zu dicht werden. Die Aussicht ist wirklich gradios und man kann so ziemlich 360° rundum gucken. Die Sierra Nevada zeigt uns hier auch nochmal ganz tolle Gipfel mit schneeweißen Gletschern, manchmal schimmert sogar ein bisschen blau aus dem Eis hervor. Dann ziehen wieder mehr Wolken auf und lassen den Anblick manchmal sogar recht dramatisch wirken. Zur anderen, zur Talseite hin sieht es wiederum ziemlich beschaulich aus. Nachdem wir dieses Schauspiel eine Weile aufgesogen haben, kramen wir unser Frühstück raus und können diese Landschaft bei wärmender Sonne und ner Tasse Kaffee nochmal abschließend genießen. Denn danach geht es wieder raus aus der Nationalpark-Gegend. Es hat sich wirklich gelohnt, den weiten Weg hierher und die Anstrengungen der Höhe auf uns zu nehmen!

 

 

Eigentlich dachten wir, es ginge mit der gewählten Strecke bergab, aber wir kommen immer höher, so dass wir oft in den Wolken verschwinden. Dafür fahren wir aber an vielen „Bohnen“arealen vorbei und die Landschaft, von der wir mal wieder gar nichts erwartet haben, überrascht uns sehr positiv. Nachmittags erreichen wir das Örtchen CHITA. Es regnet unentwegt und wir gucken aus dem Fahrerhaus dem Leben auf der Straße zu. Da werden Kühe spazieren geführt, Reiter kommen mit ihrem Pferd vorbei und alle gucken sie neugierig, verdattert oder skeptisch, was wir hier denn verloren haben. Auch in „normalen“ Zeiten verirrt sich hier scheinbar kaum ein Reisender. Das ist offensichtlich noch kein optimaler Platz zum Stehen, also sehen wir uns um, um fragen mal wieder neben einem Sportplatz an. Der Mann antwortet auf Deutsch, das er sich selbst beigebracht hat, mitten im kolumbianischen Nowhere.

 

Nach so vielen Tagen in den kalten Bergen brauchen wir ganz dringend mal Frühling im Frischezustand und fragen nach einer Duschmöglichkeit bei einem Hotel an, das von außen so aussieht, als müssten wir uns schon wieder mit dem Schlimmsten zufrieden geben. Aber kaum im Zimmer angekommen, sieht es doch alles recht ordentlich aus. Das Bad ist sauber, es hat überall Fliesen, es existieren sowohl Halter fürs Handtuch als auch für Klamotten und das Duschgel. Und zur Krönung kommt sogar heißes Wasser aus der Leitung!!! Zuhause mag man sich fragen, warum man sich über all dies so auslassen und freuen kann. Wenn man in solchen Ländern mal länger unterwegs ist, weiß man, das ist alles echt eine Seltenheit!!!! Wieder blankpoliert stehen wir nun im Ort und haben Kohldampf. Außer Schnellimbisse haben Restaurants aber zu, so dass wir ein paar herumstehende Polizisten fragen, ob die noch was wüssten. Klar, sie zeigen auf einen jungen Mann, bei dessen Mutter wir in deren Haus was bekommen könnten. Sie würden dort auch immer essen. Wir sehen den jungen Mann mit lauter Fragezeichen an. Der nickt nur und bedeutet uns, mitzugehen. Die Mutter bestätigt, als wäre es Standard, irgendwelche Fremden in ihrer kleinen, privaten Küche zu bekochen. Um 19 h sollen wir wiederkommen. Das tun wir dann, warten noch etwas draußen vor der Tür, bis andere am dortigen, einzigen Küchentisch fertig sind. Ich finde die ganze Situation grade sowas von kolumbianisch. Da stehen wir nun im Dustern unter einem Überstand vor einem alten, typischen Haus mit Holzsäulen davor, es regnet noch immer und die gelben, alten Straßenleuchten werfen ein gemütliches Licht auf die ganze Situation. Dann werden wir hereingebeten und bekommen mit einem herzlichen Grinsen ein einfaches, aber sehr köstliches Essen vorgesetzt. Und als wir am Ende nach dem Preis fragen, kommt auch noch ein spottbilliges Ergebnis dabei heraus. Das war mal wieder eine sehr besondere Erfahrung!

 


Wir gelangen nun auf eine Strecke, die auf der Karte mal wieder mit einer Nummer versehen ist. Daher haben wir eine Qualitätsverbesserung erwartet, aber die Piste wird noch holperiger, als wir es in den ganzen letzten Tagen sowieso schon ständig hatten. Uffz! Erst wirkt auch drumherum alles wenig interessant, aber dann wird die Vegetation feuchter und überall sind Bäume von anderen bunten Pflanzen und Moosen bewachsen. Später führt der Weg lange an Felswänden vorbei, die komplett von Moosen in allen Farben besetzt sind. Manche davon wirken, als würden wir in einem Korallenmeer schwimmen. Dann wieder folgen Waldabschnitte, die vor lauter „Fransen“ an den Ästen mit dem Nebel drumherum ganz verwunschen aussehen. Und an einem See gedeihen auf kleinen Inselchen sowohl Kakteen wie auch Feuchtgewächse. Aber trotz der optischen Ablenkung wird die Piste langsam mühselig. Zumindest wird sie irgendwann gerader und die Luft schwüler. Wir nähern uns dem Flachland. Und als wir schon überhaupt keine Lust mehr für heute haben, durchgerüttelt zu werden, nimmt uns zum Glück eine Familie für die Nacht auf ihrem großen Grundstück auf.

 

 

Heute wird die Landschaft offener und als wir über einen Hügel fahren und plötzlich auf ewig weite Grasebenen der LLANOS sehen können, stellt sich schlagartig ein Gefühl von Erleichterung und frei durchatmen können ein. So schön auch Berge zwischendurch mal sind, aber ich mag Weite und Flachland lieber. Hier ist auch noch Cowboy-Gegend, denn die Rinderherden wollen ja auch von irgendwem gesteuert werden. Der erste reitet auch schon bald über die Prärie.

 

Und dann erbarmt sich die Piste und wird zur glatt asphaltierten Straße. Nach 8 Tagen Buckelstrecke. Da fällt mir mein Satz aus Mexico wieder ein: „Fühlt sich komisch an, so glatter Teer!“.

 

 

Wir kehren auf der RANCHO EL TEMBLOR irgendwo bei PAZ DE ARIPORO ein, die so weit ab vom Schuss liegt, dass Zivilisationslärm keine Chance hat, bis hierher vorzudringen. Kaum durchs Tor gefahren, werden wir von einem großen Familienkreis herzlich empfangen. Erst machen sie Anstalten, uns nur mit der Faust zu begrüßen, um dann aber sofort in einen warmen Händedruck umzuschwenken. Sie haben beschlossen, hier auf der Farm gibt’s kein Corona! Sie sind hier alle zusammen gekommen, um die „semana santa“, die Osterwoche bei Ihren Eltern bzw. Großeltern zu verbringen. Nach einer neugieren Ausfragerunde werden wir von Miguel und Fernando auf eine Wanderung über das Land (300 Hektar!) mitgenommen. Die Llanos sind ein Vogel- und Tierparadies. Hier gibt es allein schon über 170 Vogelarten, dazu noch Orinoco-Krokodile, Wasserschweine, Eulen, Landschildkröten, Riesenameisenbären, Anacondas und Boas u.v.m. Viele davon bekommen wir zu sehen, die Schlangen dagegen halten sich versteckt.

 

 

Die Ranch ist ein Paradies der Ruhe und des Friedens. Wir fühlen uns, als hätte uns jemand den Stecker gezogen. Die Familie erzählt uns, dass das den meisten so geht, die hierher kommen. Scheint wirklich ein besonderer Ort zum Ausruhen zu sein, zumal wir in der letzten Zeit ja auch jeden Tag unterwegs waren. Nur morgens gegen 5, wenn die Vogelwelt wach wird, dann wird’s schonmal ziemlich laut. Die prägnantesten unter ihnen klingen, als würde jemand im 1/4-Sekunden-Takt eine rostige Tür über eine ebenso rostige Metallplatte hin- und her schrappen. Andere wiederum pfeifen die ganze Tonleiter hinab. Manchmal gesellen sich auf noch die roten Brüllaffen dazu.
Und statt der sonst üblichen großen Osterprozessionen in diesem Land werden wir zur Prozession von Kühen und Pferden mitgenommen, die ganz im Cowboystil von Miguel und Alberto (77 J. und immer noch sattelfest!) von einer Weide zur anderen getrieben werden. Bei der Gelegenheit lassen sie mich auch aufs Pferd steigen, so dass ich nach 25 Jahren auch endlich mal wieder im Sattel sitze.

Nur die Insekten sind abends ziemlich lästig. Wenn die Lichter im ziemlich offenen Haus angeknipst sind und wir zum Essen drüben bei der Familie sitzen, kommen dicke Käfer angeflogen, die gerne gegen die weißen Wände prallen, weil sie zu dusselig sind, eine Lampe von einer angestrahlten Mauer zu unterscheiden. Und mich halten sie offenbar auch für eine Lichtgestalt, da sie ständig gegen mich fliegen, auf den Boden fallen und dann ziemlich hilflos mit den Beinchen in der Luft wackeln, um wieder auf die Füße zu kommen. Die meisten schaffen es aber nicht, so dass morgens ein Sammelsurium an Käfern rumliegt.

 

 

Der Kater Pacheco wurde uns vorgestellt, ziemlich uninteressiert an Menschen zu sein und lieber über das riesige Gelände zu stromern. Aber je länger wir da sind, umso öfter kommt er vorbei, um sich schnurrend seine Schmuseeinheiten abzuholen. Manchmal hält er sich den ganzen Tag bei uns auf. Vom Jäger zum Kuscheltier. Das ging aber schnell. Doch dann, kaum hat er sich wieder ein paar Streicheleinheiten abgeholt, knackt es auf einmal unter dem Auto. Als ich daruntersehe, sitzt die Katze dort und zerbeißt einem armlangen, giftgrünen Leguan grade den Kopf und verspeist ihn danach wirklich bis zur Schwanzspitze. Buuuaaaah! Sie bleiben einfach immer Jäger!

 

 

Statt 2-3 Tagen bleiben wir doch glatt eine gute Woche. Hat dann doch ein bisschen gedauert, unsere Akkus wieder vollzuladen. Eigentlich fühlen wir uns hier auch des erste Mal, seit wir in Kolumbien sind, von dem Einheimischen wirklich warmherzig aufgenommen. Dementsprechend hab ich auch ordendlich Nackenschmerzen am letzten Abend vor der Abfahrt. Ab morgen geht’s wieder los mit der Suche nach Übernachtungsplätzen, bei denen man hier ja nicht weiß, ob nicht doch jemand wieder Musik anschmeißt, ob die wieder so nett sind wie hier und ob man sich wieder mit einfachsten Lebensbedingungen auseinandersetzen muss. Das ist so eine schöne Blase hier, da mag man gar nicht wieder raus.

 

Die Großmutter fängt Sätze in meine Richtung grundsätzlich mit „Mi amor“ an, tischt uns jeden Tag eine neue einheimische Spezialität auf und behandelt zum Schluss noch meine Nackenschmerzen mit einer frischen Aloe Vera aus dem Garten. Sie kennt überhaupt viele Heilwirkungen der Pflanzen hier und hat damit schon in der Familie einiges an Wirkungen erzielt, bei denen sich Ärzte die plötzlich perfekten Werte hinten und vorne nicht erklären können. Da ich darüber auch ein langes Lied singen kann und auch nur über Alternativmedizin bzw. Biofeedbackmethoden wieder auf die Beine gekommen bin, weil Ärzte bei mir noch nie einen Rat wussten, verstehen wir uns prächtig. Sie heißt auch noch Teresa, da liegt der Spitzname „Mutter Teresa“ natürlich nahe.  

Zum Abschied gibt’s noch ein ganz klassisches Familienfoto und wir versprechen uns mit dem Teil, der nun nach Ostern wieder nach Bogotá zurückkehrt, ein baldiges Wiedersehen in der Hauptstadt.

@ la familia Garcia: Muchas gracias por su cálida hospitalidad y por hacernos parte de su familia muy amigable durante la semana santa. Nos veremos en Bogotá!

 

 

Tja, und dann verlassen wir doch schweren Herzens diesen idyllischen Ort. Nach schönen geraden Strecken werden wir aber schon bald wieder die Berge hochgeführt. Und als Kontrastprogramm zur weiten Prärie kann man hier nur rechts oder links am Straßenrand für eine Übernachtung parken. Ein quietschbuntes Restaurant/ Hotel, das uns ein bisschen an Meow Wolf in New Mexico erinnert, hat aber wenigstens nach hinten raus ein bisschen mehr Raum auf dem Parkplatz. Aber die lauten LKWs, die sich die Berge hinaufquälen, hört man noch lange, bis es dann doch irgendwann für diese Lage erstaunlich leise wird.

Die LAGUNA DE TOTA soll schön sein. Als wir dorthin kommen, finden wir’s durchaus ganz hübsch, aber es haut uns jetzt nicht gerade aus den Socken. Aber es ist ruhig dort, drumherum werden lauter Zwiebelgewächse angebaut, so dass es einem immer leicht danach um die Nase weht und es gibt nach Wochen endlich mal wieder Netz. Als Highlight erscheint noch ein intensiver Regenbogen, der ein paar Meter vor uns mitten im Zwiebelfeld endet. Das wär doch die Chance, hier mal nach nem Schatz zu buddeln. Ob wir wohl mehr finden würden als Knollen?

 

 

Auch von MONGUI erwarten wir nicht viel, von weitem sieht es auch nicht sonderlich doll aus, aber als wir dort reinfahren, verstehen wir, warum wir diese Empfehlung bekommen haben. Ganz süße weiße, alte Häuser, allesamt mit grünen Balkonen plus Geranien versehen, schmücken diesen Ort und zusammen mit dem großen Marktplatz vor der Kirche ergibt das eine ganz besondere kolumbianische Atmosphäre. Lustig ist, dass in diesem beschaulichen Dorf und dessen Umland die Produktion der Fußbälle für alle Weltmeisterschaften und viele Vereine stattfindet. Das würde man sonstwo erwarten, aber hier?

Nachdem wir unterwegs noch ein lecker Eis von der Feijoa-Frucht verputzt haben, die nur in der Region um Tibasosa wächst, machen wir uns auf eine mühselige Suche nach einem Platz zum Schlafen. Erst wollen neue Besitzer eines Thermalbads nicht mehr, dass man dort übernachtet, dann will ein Hotel einen horrenden Preis dafür, dass man bloß auf deren Parkplatz stehen würde. Eine weitere Besitzerin einer Pension hat wiederum arge Bedenken, da sie das Haus gerade hat desinfizieren lassen und selbst ein Stehen auf dem Parkplatz für ein riesiges Ansteckungsrisiko hält. Aber dafür haben die nebenan wohnenden Mitarbeiter Mitleid mit uns, da es auch noch in Strömen zu regnen anfängt, und lassen uns auf ihren Hof fahren. Puh, manchmal wünsche ich mich in die Weiten von Bolivien oder Argentinien, wo man einfach ein paar Meter von der Piste hinter einen Hügel fahren kann und fertig ist der Schlafplatz. Kein privates Gelände, keine abgezäunten Wiesen, alles offen und frei. Bis dahin dauert’s wohl noch eine Weile. Leute, macht endlich die Grenzen auf!!!

 

 

VILLA DE LEYVA ist nächstes Ziel und nächste Hoffnung, dort wieder ein bisschen mehr Ruhe zu finden. Das Hostel, in dessen Garten wir parken dürfen, ist ein bisschen außerhalb des Orts auf einer Anhöhe gelegen und sehr schön gestaltet. Der große Armee- und Waffenplatz mit Kirche und den umliegenden Kolonialstilhäusern sind das Wahrzeichen des Dorfs. Überall weiß getünchte Häuser mit Holzbalkonen, dazu die Straßen und Gassen mit sehr grobem Pflaster und einige leckere Restaurants, das alles macht einen ganz gemütlichen Eindruck. Beim Franzosen finden wir wieder ganz besonders fantastisches Essen, das so einfach auch nur diese Landsleute hinzaubern können. Als, ich mal nachfrage, ob der Koch denn tatsächlich aus Frankreich stammt, kommt er zu uns, holt sich unser überschwengliches Lob ab und erzählt uns, dass er aus Dijon kommt. Sag ich doch!

Das Hostel bietet uns nicht nur eine friedliche Atmosphäre, sondern auch noch eine richtig heiße Dusche, flottes WLAN und es herrschen insgesamt angenehme Temperaturen. So kommen wir auch hier nicht so schnell weg. Als wir dann noch hören, dass in Bogotá nach den Ostertagen die Corona-Zahlen so angestiegen sind, dass sie jetzt wieder verschärfte Beschränkungen einrichten, werden wir auch noch mal in dem Wunsch entschleunigt, unsere neuen Freunde dort wiederzusehen. Bringt ja nichts, wenn man gerade nicht viel machen darf. Kaum den Entschluss gefasst, doch noch länger hier zu bleiben, wollen der Koch des Hauses und eine Langzeitgästin mit uns eine Wanderung in das Naturschutzgebiet Iguaque machen, dass angeblich gesperrt sei. Isses aber nicht und so kraxeln wir gemeinsam die ziemlich steilen Berge hoch. Tatjana hat auch mal in Frankreich gelebt und daher versuchen wir auch noch, diese Sprache aufzufrischen. Parallel reden wir mit Fernando mal auf Englisch, dann auf Spanisch und unter uns auf Deutsch. Das ist mir ein bisschen viel des Guten auf einmal, aber trotzdem lustig. Es ist auch sonst erstaunlich, auf welche Themen wir so mit völlig Fremden kommen und auch zu Corona sind wir uns alle einig, welchen psychologischen Aspekt wir darin sehen.

 

 

Den Luxus, alles zu haben, was wir für einen gelungenen Standort brauchen, geben wir auch erst nach 1 1/2 Wochen wieder auf. Diesmal, um die SALZKATHEDRALE von ZIPAQUIRÁ zu sehen. In die weitläufigen, ehemaligen Stollen zum Salzabbau wurde einiges an christlichen Kreuzen sowie kleine und große Kirchenräume bis hin zur großen Kathedrale mit 3 Schiffen eingerichtet. Wir schlendern also durch die alten Stollen und überall glitzert das Salz an den Wänden. Toll sieht es aus, wie die christlichen Symbole und verschiedenen Areale in diversen Farben angeleuchtet werden. Diese Eindrücke untermalen sie noch zusätzlich mal mit Ave-Maria-Gesängen, mal mit Mönchschören. Hier und da findet sogar noch eine Licht- bzw. Filmprojektion statt. Ein Kirchenschiff erinnert mich sogar ein bisschen an Raumschiff Enterprise. In anderen Parts wird aber noch Salz abgebaut, so dass hin und wieder Bergarbeiter mit Helm und voller Montur vor der Kirchenszenerie an uns vorbeilaufen. Skurrile Kombi.

 

 

Bogotá lassen wir im Moment zwar noch aus, aber die Ausläufer der Großstadt bekommen wir durch den dichten Verkehr doch noch mit, als wir uns statt dessen in Richtung des Kaffeedreiecks aufmachen. Aber die Straße ist später sehr gut ausgebaut, so dass zumindest die zweite Hälfte zu fahren für heute leichter fällt. Es geht - Überraschung! - mal wieder durch die Berge, was scheinbar gleichbedeutend dafür ist, dass man dicht bei der Straße übernachten muss. Ein Käseladen in der Dimension eines großen Parkhauses hat einen Parkplatz hinter dem Gebäude, was den Verkehrslärm sehr gut abschirmt. Der Besitzer des Ladens drückt uns sogar noch gratis zwei große, warme Essenspakete aus dem Restaurant in die Hand. Wow, das ist ja super lieb! Und wir müssen nicht kochen!

 

Wir hatten bei solch einem riesigen Laden eigentlich gehofft, dass es vielleicht wenigstens hier guten Käse gibt, aber erstens ist die Theke winzig und steht verloren in der weitläufigen Halle und zum anderen liegt da auch nur der Standard-Schlabberkäse rum, der nach nichts schmeckt. Völlig unverständlich! Die Spanier haben damals doch die Religion, die Sprache und den kolonialen Häuserstil hier eingeführt, aber für nen lecker Manchego-Rezept oder gar Pata-Negra-Schinken hat’s wohl nicht mehr gereicht…

Kaum 100 km weiter gefahren, ändert sich die Landschaft schon wieder, diesmal vom Typ Alpenland auf tropisch mit den unterschiedlichsten Plantagen an den Berghängen.

 

 

Es geht zunächst wieder recht zügig voran, bis dann aber lange Schlangen hinter den langsamen LKWs die Berge hochzuckeln. Mit 15 km/h kommt man da auf Dauer nicht weit. Gleichzeitig werden die Straßen rechts und links wieder von einzelnen Häusern gesäumt und dahinter geht’s steil hinunter oder hinauf. Aber eine weite Fläche, die von der Straße wegführt, ist mal wieder nicht in Sicht. Ich stelle mich schon gedanklich wieder auf eine laute Nacht ein und bin dadurch vorweg schon müde. Aber ich habe noch Hoffnung, dass das Dorf Cajamarca unterwegs einen Ausweg bietet. Davon geht eine Straße weit weg von der Hauptroute. Erst ist auch dort erst nichts zu sehen, wo wir Platz hätten, aber dann fällt auf einmal doch ein Privatgelände mit einer großen Rasenfläche auf. Die dort lebende Familie nimmt uns gern auf und begrüßt uns ebenfalls damit, dass es hier auf dem Gelände kein Corona gäbe. Ganz unerwartet können wir heute doch noch ruhig und wunderbar schlafen. Irgendwie klappt’s dann doch immer wieder. Am Morgen werden wir wohlwollend mit Maismilchsuppe und Kaffee versorgt, die Kinder erkunden derweil Jumpys „Wohnlandschaft“. Und den gestern vereinbarten Preis für den Platz wollen sie doch nicht mehr haben. Das alles nenn ich mal spontane, tolle Gastfreundschaft!

Ganz in der Nähe startet die Offroadpiste, die CAJAMARCA, TOCHE und SALENTO miteinander verbindet. Hier sollen ganze Wälder von Wachspalmen prächtig gedeihen und außerdem können wir so die Fahrzeugkolonnen auf der eigentlichen Straße umgehen. Die Pistenroute ist landschaftlich wunderschön, die Sonne scheint und die Cowboys geben sich hier die Klinke in die Hand. Die wenigen Menschen, denen wir unterwegs begegnen, freuen sich offenbar alle, dass wir in dieser entlegenen Ecke vorbeikommen. Viel Winken, Daumen hoch und Grinsen wird uns entgegengebracht. Gegen Nachmittag tauchen die ersten Wachspalmen auf. Sie können bis zu 80 m hoch und 250 Jahre alt werden. Sie sind die größte Palmenart überhaupt und da es mit jedem ruppeligen Kilometer immer mehr werden, wird auch meine Begeisterung immer größer. Manche von ihnen stehen vereinzelt und manche tatsächlich in Wäldern. Zwischendurch übernachten wir noch bei einem kleinen Bauernhof, so dass wir die Kulisse sogar noch bei Sonnenuntergang genießen können. Auch am zweiten Tag in dieser tollen Landschaft bietet sich hinter jeden neuen Kurve wieder ein anderes schönes Bild. Herrlich!

 

 

Und dann hören die Palmen auf einmal auf, in der Gegend herumzustehen und die Vegetation ändert sich in Richtung dauerfeucht, denn hier auf der anderen Bergseite hängt gern viel Nebel und die Wolken regnen sich ab. So auch heute. Von Sonnenschein auf nass und feucht innerhalb weniger Minuten. So tuckern wir langsam unserem heutigen Zielort SALENTO entgegen. Wir kommen wieder bei einem kleinen Bauernhof mit Kühen, Pferden, ziemlich lauten Hähnen sowie einer zwei Monate jungen Katze unter. Torben hat heute Geburtstag und so schlendern wir zur Feier des Tages abends noch durch den knallebunten, hübschen Ort für ein Abendessen und für einen anschließenden heißen Maracuja-Cocktail in einer Bar mit Live-Band. Der ist so lecker, dass ich auch hierfür das Rezept ergattern kann.

 

 

Im Tageslicht sieht der Ort und die ganzen hölzernen Hausverzierungen in allen Farben noch hübscher aus. Stehen die alle in einem Wettbewerb mit dem Motto „Wer hat die schönste Farbkombi“? Wär ich in der Jury, ich könnte mich kaum entscheiden. Hier mal eine kleine Auswahl.

 

 

Wir sind ja hier nun im Kaffeedreieck, da wollen wir uns den Besuch auf einer entsprechenden Finca nicht entgehen lassen. Auf dem Fußmarsch dorthin erwarten wir, dass wir durch Unmengen von Plantagen gelangen müssten, aber so viel ist gar nicht zu sehen, bis dann doch einige Fincas um die Ecke kommen. Auch hier probieren wir das braune Getränk und erwarten nach dem Bohei, dass sie um die Zubereitung gemacht haben, vielleicht doch eine positive Überraschung zu erleben. Aber er schmeckt leider wieder sehr sauer. Schade, dass das wohl irgendwie nichts wird. Den besten Kaffee überhaupt haben wir bisher in Hamburg getrunken… Und der kam aus Mexico, wo wir ja ähnliche Vor-Ort-Erlebnisse hatten, wenn auch nicht auf einer Kaffeeplantage. Dennoch ist das Haus selbst sehr hübsch und durch die Kaffeepflanzen schlendern wir auch noch hindurch. Die Ernte ist auch gerade wieder in vollem Gange. Hier ist das Klima für diese Gewächse so optimal, dass sowohl reife Früchte als auch schon die nächsten Blüten und Knospen am selben Ast wachsen. So ist eigentlich das ganze Jahr eine Ernte möglich, wobei wir jetzt im April grade in einer Hauptphase sind.

 

 

Salento können wir natürlich nicht verlassen, ohne das VALLE DE COCORA besucht zu haben. Auch wenn wir bereits viel mehr Wachspalmen entlang der Piste vor ein paar Tagen gesehen haben als im Cocora-Tal stehen sollen. Mit einem der „Willys“ - einem alten, bunten Jeep - werden wir mit einigen anderen Leuten hoch zum Tal gefahren. Doch obwohl der Morgen recht sonnig angefangen hat, fängt es schon während der Fahrt an zu regnen. Ja, es ist Regenzeit und die Gegend besteht aus Nebelwald, aber die letzten Tage hat sich das Wetter ja auch nicht um die Vorhersage gekümmert. Heute schon! Kaum ausgestiegen, wird das Gepladder nochmal doller. Wir wollen schon fast wieder umkehren, da haben die Wolken Erbarmen mit uns und lassen es nur noch nieseln. Wir stapfen also über nasse Pfade die Berghänge hoch. Die Nebelschwaden lassen die hohen Palmen wie schwache Schatten erscheinen. Von ein paar Aussichtspunkten aus haben wir dennoch einen Überblick über die Täler und die darin gestaffelten Palmen. Das Nass von oben wird wieder schlimmer, es nervt langsam, aber man kann der Landschaft nicht absprechen, dass sie trotzdem ganz fantastisch aussieht. Hier bei diesem Wetter versteht man auch, warum diese Pflanzen mit einer Wachsschicht überzogen sind. Die hätte ich meiner Regenjacke, die ihren Namen nicht verdient, auch gewünscht… Zum Glück hat uns Rhonda damals in Palenque zum Abschied zwei Plastikponchos in die Hand gedrückt. Damals dachte ich, was ich wohl damit soll. Jetzt weiß ich’s…

 

 

Am nächsten Tag wollen wir eigentlich weiter, aber ein frisch auf „unserem“ Grundstück hinzugekommenes kolumbianisches Camper-Ehepaar teilt uns mit, dass in Richtung Armenia heute Straßenblockaden und Streiks gegen den Plan der Regierung zu einer Steuererhöhung stattfinden. Und das in diesen Zeiten, da kann man den Unmut auch verstehen. Naja, bleiben wir eben noch hier. Die junge, umwerfend süße Katze „Kiwi“, die wie ein kleiner Flummi durch die Gegend springt und immer stürmisch versucht, an meinem Hosenbein hochzuklettern, ist ja allein schon ein Grund, nicht wegzufahren. Der Besitzer des Hofs führt uns noch stolz seinen Criollo Colombiano vor, ein Pferd bzw. eine Rasse, die ganz irre Gangarten beherrscht. Diego zeigt uns ein paar Videos von Meisterschaften, die mit dieser Rasse ausgetragen werden. Und obwohl ich ja früher viel mit Pferden zu tun hatte, hatte ich davon bisher keine Ahnung und staune über deren Auftritt. Die laufen mit ihrem „Paso Fino“ wie eine Nähmaschine!

 

 

Am folgenden Morgen sind die Straßen wieder frei und wir fahren nach ARMENIA/ CALARCÁ zum Botanischen Garten. Wegen der Pflanzen muss man da nicht hin, das wirkt aus Laiensicht betrachtet nicht wie ein Garten, der das Land repräsentieren soll, sondern einfach wie ein Stück Dschungel, den man auch anderswo finden würde. Durch Planten un Blomen in Hamburg haben wir hier ein bisschen mehr bunte Blumen und angelegte Beete erwartet. Was aber toll ist, sind die vielen Kolibris, die pfeilschnell und flügelbrummend um die Kakteen schwirren und das Schmetterlingshaus, wo die zarten Flattermänner sich manchmal sogar auf Hand, Kopf und Fuß niederlassen, um was auch immer abzunuckeln. Sogar die handgroßen, schillernd blauen Exemplare gibt es hier. Die haben wir seit Mexico schon immer mal wieder gesichtet, aber ich hab sie nie vor die Linse bekommen, da sie unruhig fliegen, sich quasi nie hinzusetzen scheinen und wenn doch, sofort ihre Flügel zuklappen. Ein paar Schildkröten schleichen auch noch durch die Pflanzen. Bei all den Tieren könnte man mich auch den ganzen Tag absetzen und ich wär glücklich.

 

 

Der nächste Stopp soll FILANDIA werden. Im Ort angekommen, sieht er vom Häuserstil aus wie Salento, wobei uns letzteres nochmal besser gefallen hat von der Atmosphäre her. Die Finca ein Stück außerhalb, auf der wir eigentlich übernachten wollen, gibt es nun wohl gar nicht mehr und die Alternative dazu ist nicht korrekt auf unseren Apps eingezeichnet. So fragen wir auf einem anderen Hof nach dem Weg und bekommen dort die frisch gebauten Glamping-Zelte oder eine Cabaña angeboten. Uns reicht aber auch deren Parkplatz. Und sie haben hier sogar eine heiße Gästedusche! Sie haben das mit Overlandern noch nie gemacht, freuen sich aber darüber, Besuch zu haben. So dürfen wir auch die Terrasse der Cabaña benutzen und die herrliche Aussicht über die gesamte Gegend genießen. Die ganze Familie ist rührend um uns bemüht, dass wir hier eine tolle Zeit haben. Immer bekommen wir irgendetwas angeboten. Hier etwas zu trinken, da ein frisch geernteter Salat, Früchte aus dem Garten, verschiedene Essensspezialitäten und jeden Abend sitzen wir draussen zusammen und es kommt immer irgendein Schnaps auf den Tisch. Heute Aguardiente, morgen Rum und übermorgen Gin, etc.

 

 

Als wir dann nach ein paar Tagen wieder weiter wollen, eröffnet man uns die Tatsache, dass überall in der Gegend um Pereira Straßensperren von LKWs und Taxifahrern eingerichtet wurden und man aus der Region quasi nicht mehr rauskommt, von den Krawallen zwischen Polizei und Streikenden mal ganz abgesehen. Auch die Wege zu den Großstädten sind dicht. Nach dem ersten Schreck, schon wieder eingesperrt zu sein, siegt dann aber doch die Überzeugung, dass wir es vom Ort und den Leuten her mal wieder nicht hätten besser treffen können, um so eine Krise auszusitzen. Die Familie, allen voran Jorge, legt sich nun noch mehr als sowieso schon ins Zeug, um es uns schön zu machen und über in der Nähe wohnende Familie, Freunde und Bekannte Aktuelles herauszufinden. Überall organisieren sie für uns schonmal Übernachtungsoptionen bei all diesen Bekannten oder aber auch bei Hostels, damit wir ja sicher hier raus- und weiterkommen. Eigentlich müsste Jorge im Homeoffice arbeiten, aber zwischendurch kommt er immer wieder vorbei und erzählt uns, was er wieder Neues für uns geplant oder recherchiert hat. Er freut sich diebisch für uns darüber, was wir noch alles Schönes zu sehen bekämen. Wir sind vollkommen hin und weg von dieser unfassbaren Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft! Dazu liegt die Finca auch noch so ruhig und friedlich, hier kommt wirklich rein gar nichts von dem an, was da drumherum los ist. Und was soll ich sagen: Auch sie haben einen - frisch zugelaufenen - Kater Mato, der allzu gern auf unseren Schoß springt, um sich ewig lange schnurrend streicheln zu lassen. Die Familie ist baff, das hätte er ja noch nie gemacht. Insgesamt fällt es also sehr leicht, lieber noch einige Tage dranzuhängen, auch wenn mal wieder ungewiss ist, wieviele.

 

So langsam gehen die News mit den Protesten wohl um die Welt. Wir bekommen von Danny und Emily (derzeit in Costa Rica) wie auch von Fernando aus Bogotá Mails und Anrufe, wo wir denn grade seien und ob es uns denn wohl gut ginge. Auch Fernando bietet uns wieder an, wenn irgendwas ist, könnten wir uns jederzeit bei ihm melden. Ist das großartig! Glücklicherweise müssen wir uns da draussen grade kein Elend ansehen, sondern statt dessen lieber die jeden Tag immer wieder fantastischen Wolkenformationen, da man von hier aus eine 360° Umsicht auf den Himmel hat. Die Sonnenuntergänge, aber auch die Regenfronten, bei denen man schon von Weitem sehen kann, wenn sie herannahen, sind wirklich ein optisches Highlight.

 


Jorge ist außerdem bemüht, uns ausreichend zu beschäftigen, damit es uns ja nicht langweilig wird. Dementsprechend fahren wir einen Nachmittag zu seiner Bekannten Islanda und ihrer Tochter Alexandra. Beide sind ebenfalls ganz liebe Menschen und auch hier werden wir bestens versorgt. Sie wohnen in der Nähe eines kleinen Canyons, in dem sich rote Brüllaffen durch die Bäume schwingen. Sie kommen sogar zu regelmäßigen Zeiten vorbei, da sie von den beiden Frauen ab und zu mit Bananen gefüttert werden. So sind sie auch heute hier, um sich die gelben Früchte von uns aus der Hand zu schnappen und dann ganz schnell wieder in die Baumwipfel zu verschwinden. Dennoch leben sie frei und bis auf dieses Phänomen wenigstens weiterhin ungezähmt. Sie sind deutlich kleiner als ihre Kollegen mit schwarzem Fell, aber eine Verwandschaft sieht man ihnen deutlich an. Ist ja doll, schon wieder Affen aus nächster Nähe gesehen!

 

 

Und dann lösen sich zumindest einige Straßenblockaden in der Umgebung wieder auf. Es ging und geht wohl darum, für bessere Bildung und ein besseres, bezahlbares Gesundheitssystem zu kämpfen und dass die Leute ja wegen Corona wirtschaftlich auch grade keine einfache Zeit haben. Aber auch wenn nichts von den Forderungen von heute auf morgen umgesetzt werden würde, können solche Blockaden ja auch nicht ewig andauern, so hoffen wir zumindest. Es kommt kein Benzin mehr in die Region und auch keine sonstige Lieferungen. Leute können nicht mehr zur Arbeit fahren und was auch immer sonst noch alles brach liegt. Erstaunlicherweise merkt man das der Auswahl in den kleinen Supermärkten kaum an. Da wird dann wohl einiges auf kleinere Lieferfahrzeuge umgeladen und auf Schleichwegen transportiert. Sprit gibt es an den Tankstellen allerdings schon seit dem ersten Tag nicht mehr. Gut, dass wir noch in Armenia vollgetankt und in den letzten Tagen nichts verbraucht haben!

Bevor wir dann tatsächlich nach 11 statt nach 4 Tagen die Familie verlassen, wird nochmal ausgiebig die Lage gecheckt und Umwege um die restlichen Blockaden herausgesucht. Wir werden auch noch zum Mittagessen auf der Terrasse eingeladen und abends schlendern wir auf einen letzten Spaziergang mit der Familie durch die entspannte Umgebung. Ein letztes Mal Mato knuddeln, dann machen wir uns mit einem noch etwas mulmigem Gefühl in der Magengegend auf. Hoffentlich können wir wirklich die Blockaden und Ausschreitungen sicher umgehen! Aber trotzdem war es ein absolutes Highlight, hier einige Tage verbacht zu haben!

@ las familias Arroyave & Zapata: Su hospitalidad fue increible! No pudimos encontrar un mejor lugar par estar durante los dias de la protesta. Nosotros disfrutamos mucho el tiempo con ustedes y estamos abrumados con la ayuda que nos dieron para darnos seguridad en la region. Fue un placer conocerlos y de gustar la comidas y bebidas tipicas de Colombia. Los vamos a extranjar a ustedes y a Mato!

 

 

Zunächst quetschen wir uns in Filandia an kilometerlangen Autoschlangen quer durch den Ort vorbei, da es seit heute wieder Benzin an zumindest einer Tankstelle hier gibt. Wir hören später, dass es 4 Stunden Warterei in praller Sonne dauert, bis jemand aus der hinteren Schlange dran ist. Uffz! Ist doch ziemlich erschreckend, wie der Mensch weltweit von Sprit, freien Straßen und allem, was damit zu tun hat, abhängig ist!!!

Dadurch, dass wir die geplanten Umwege über schmale, krüdelige Bergstraßen fahren, dauert die Strecke grob doppelt so lange. Aber wir kommen durch und das ist ja derzeit die Hauptsache! Unterwegs sehen wir einige lange Reihen an Wartenden vor Tankstellen und sind froh, dass uns dies erspart bleibt. Leider müssen wir in Manizales nochmal Vorräte aufstocken und unsere beiden Benzintanks auffüllen für den Fall der Fälle. Sind ja schließlich noch weitere Streiks und Sperren im Land. Das Ding ist noch nicht durch…
So eine umständliche Stadt, bedingt durch ihre steil-hügelige Lage. Aber wenigstens haben sie hier eine direkte Benzin-Pipeline, so dass das Tanken hier ohne Warterei möglich ist. So, als wäre drumherum nie was gewesen. Übernachten können wir dann für lau außerhalb der Stadt am unteren Ende der Offroad-Strecke, die wir uns als nächstes vorgenommen haben.

So, hoch zum NATIONALPARK NEVADO DEL RUIZ. Der Weg weist uns zunächst noch eng zwischen Bäumen hindurch, um dann immer breiter durch immer kahlere Landstriche zu führen. Kahl, bis auf die Frailejones, die hier überall herumstehen. Wolken und Wolkenfetzen fliegen vorbei und wirbeln an den Berghängen herum. Ganz schön frisch hier oben. Zum Mittag sind wir schon wieder auf 4.000 m und haben ab und zu einen Blick auf den aktiven, schneebedeckten Vulkan Ruiz, der kostant dicke, weiße Schwaden ausstößt.

 

 

Schön ist die Gegend, man kann von der Piste aus ganz weit gucken. Kommen wir an Wasserfällen vorbei, müffelt es auch recht schwefelig. Hier gibt es einige heiße Quellen, aber irgendwie ist uns grade nicht danach, darin einzutauchen. Langsam setzen ziemliche Kopfschmerzen ein. Hätte ich die heute auch so gehabt oder ist es die Höhe? Ich weiß es nicht. Es geht ja irgendwie auch immer recht plötzlich hoch. Schon wieder waren wir vorher auf angenehmen 1.800 m in Filandia, um uns dann kurz danach gleich wieder innerhalb eines Tages in solche Höhen zu schwingen. Dazwischen war ja auch nix, wo wir zur Akklimatisierung hätten bleiben wollen. Das muss in den anderen Ländern dieses Kontinents echt anders werden, damit der Körper sich mal richtig dran gewöhnen kann.

 

 

Abends stehen wir in Sichtweite des Vulkans, können aber dessen Spitze wegen der Wolken noch nicht sehen. Es wird immer kälter. Nachts haben wir nur noch knapp über 0 Grad. Ich schlafe schlecht und mir ist übel.

 

 

Ich bin froh, als die Nacht vorbei ist. Ein bisschen besser geht es mir, aber die Vorstellung, den ganzen Berg auf der anderen Seite auf der Piste runterzurumpeln, macht nicht gerade Laune. Dafür aber die jetzt freie Sicht auf den Vulkan und die weißen Schwaden aus seinem Inneren. Die Strecke heute ist sogar noch härter als gestern. Waren es da z.T. nur viele Schlaglöcher, kommt heute der teils geröllige Untergrund noch hinzu, um meinem immer noch meckernden Magen schwer zu schaffen zu machen. Aber dennoch ist die Landschaft immer wieder schön anzusehen und bietet eine gelungene Ablenkung.

 

 

Nur, als wir so tief runter gefahren sind, dass die Bäume wieder die Sicht versperren, wird’s mühselig. Irgendwie gefällt uns nichts so richtig, um nochmal eine Zwischenübernachtung einzulegen. So geht’s weiter über Murillo nach ARMERO. Hier hat der Vulkan den kleinen Ort bereits 2 Mal in der Geschichte zerstört, so dass heute nur noch wurzelüberwachsene, halbverfallene Gebäude übrig geblieben sind. Ein bisschen spooky die Stimmung dort, trotz schönsten Sonnenscheins. Und es ist brühwarm! Heute nacht hatten wir fast schon Frost, jetzt am Nachmittag haben wir schwüle, unerträgliche 35 Grad. Erst 4.000m, jetzt 300. Zig kleine Minifliegen beißen hier herzhaft zu, so dass ich nach nur kurzen Momenten aussehe, als hätte ich Masern. Dazu noch die Tatsache, dass ich echt feddich bin nach dem ganzen Mich-Schlecht-Fühlen, der Rumpel-Etappe und der allgemeinen Straßensperrsituation im Lande. Ach ja, und dann haben wir online auch noch unsere Visumsverlängerung beantragt (Erinnerungen an das Prozedere in Mexico werden wach…), was dementsprechend auch als Unsicherheitsfaktor im Raum hing. Aber dafür haben wir heute wenigstens das OK bekommen, so dass wir nun offiziell noch weitere 3 Monate bleiben dürften. Aber trotz der Müdigkeit ist das hier definitiv kein Platz zum Übernachten! Die Atmosphäre ist echt merkwürdig. Also weiter. Wenigstens ins Nachbardorf, wo wir in einen Feldweg reinfahren und sie dort tatsächlich einen großen Grasplatz haben. Eine unglaublich nette Anwohnerin klärt für uns beim Oberhaupt der Gemeinschaft, dass wir hier gern bleiben dürfen. Als ich mich verschwitzt und müde auf der Couch ausstrecke, habe ich grade mal einen Moment, in dem ich schlicht und ergreifend keinen Bock mehr habe zu reisen!

 

 

Kaum das Frühstück verputzt - juhu, ich habe wieder Hunger -, beschert uns die Polizei einen Besuch. Bei einer Kontrollrunde fanden sie unsere Anwesenheit in dieser Umgebung merkwürdig und jetzt wollen sie wissen, was wir hier machen. Aber das Ganze in höflich! Die Anwohnerin Camilla, die uns gestern hier schon eingeschleust hat, ist auch gleich zur Stelle, um unsere Übernachtungserlaubnis zu bestätigen. Bevor wir abfahren, versorgt sie uns noch rührend mit einem frisch gepressten Saft und checkt nochmal die aktuelle Straßenlage - derzeit alles frei auf unserer Route. Auch sie dürften wir nun jederzeit anrufen, wenn wir Unterstützung bräuchten. Ganz toll! Anfänglich waren wir in Kolumbien nicht ganz sicher, wie wir die Menschen einschätzen sollten. Da ist uns ja von gastfreundlich bis skeptisch alles begegnet, aber seit der Ranch in den Llanos habe ich das Gefühl, dass sie alle irgendwie versuchen, sich gegenseitig mit Hilfsbereitschaft und mit Freundlichkeit zu übertreffen. Echt fantastisch!

Bevor es sich die Streikenden doch noch anders überlegen, sehen wir zu, voranzukommen. Zur Abwechslung ist ein Teil der Strecke auch mal wieder schnurgerade, da geht’s endlich mal fix. Die Stimmung unterwegs in den Dörfern macht einen ruhigen Eindruck. Trotzdem bin ich froh, als wir ohne Zwischenfälle nachmittags am RIO CLARO ankommen. Ein bisschen ruft die Gegend ein Gefühl von Palenque hervor. Blumiger Dschungelgeruch, die Luftfeuchtigkeit, die Pflanzen… Und als wir in den erfrischend kühlen, klaren Fluss springen, fliegen sogar Tucane über unsere Köpfe hinweg. Wie schön! Auch kleinere grün-blaue Aras und viele schnatternde Papageien halten sich hier auf. Nachts sind tausende von Grillen zu hören sowie das Flussrauschen. Und das Gewitter verschafft eine deutlich angenehmere Schlaftemperatur.

 

 

Kaum wieder auf der Straße, meint Google, dass es wohl bis kurz vor unserer Kreuzung auf dem bereits zurückgelegten Weg eine langgezogene Sperrung gibt. Puh! Gut, dass wir gestern noch bis hierher gefahren sind! Unser Weg dagegen ist frei! Wenn auch leider wieder kurvig und es dauert, bis wir in GUATAPÉ angelangt sind. Wir wollten eigentlich ganz nah am riesigen, verzweigten Stausee stehen, aber die angepeilte Option zerschlägt sich durch Abwesenheit des Gastgebers. Das Hostel, das wir alternativ aufsuchen, ist ebenso alternativ und die Rasta-Typen, die grasrauchend schon die Party für heute Abend ankündigen, sind Grund genug, um noch weiter zu suchen. Viele Möglichkeiten gibt es allerdings nicht. Ein anderes Hostel liegt noch weiter vom See entfernt, aber dort sollen Partys unerwünscht sein! Das klingt doch super! Die Besitzer sind nicht zu Hause und auch lässt sich erst kein Gast blicken, als wir dort hereinrufen. So sitzen wir erstmal während strömenden Regens im Auto und warten ab. Es wird schon dunkel, also nochmal ins Haus. Diesmal taucht Laura aus Deutschland auf. Putzig, nach Oaxaca/ Mexico sind wir keinen deutschen Reisenden mehr begegnet. Und in Kolumbien fast überhaupt keinem mehr, der aus dem Ausland hier unterwegs ist. Sie meint, das wäre sicher in Ordnung, wenn wir uns hier unterstellen. Sehr gut, wo sollten wir jetzt im Dustern auch noch hin???

Die Besitzer Paula und Gitland heißen uns am nächsten Morgen herzlich Willkommen. Sie haben unser Auto gestern schon unten im Ort gesehen und schon drauf gewettet, dass wir hier zu ihnen kommen. Sie kennen das ja mit Overlandern und freuen sich, dass sich in diesen Zeiten mal wieder welche bei ihrem Hostel einfinden. Ansonsten sind aber erstaunlich viele Reisende hier. Einige aus den USA, einige aus Kolumbien, besagte Laura aus Deutschland und eben wir. 11 Leute für Corona-Zeiten finde ich schon erstaunlich. Wir werden mit der Idee bekannt gemacht, dass man hier 3 Mal täglich vegan zusammen isst, abends auch mitkocht, kein Smartphone am Tisch erlaubt ist und abends kein Lärm mehr passiert. Können wir prima mit leben. Sie bieten auch Spanisch- und Permakultur-Kurse an. Mit letzterem Prinzip ernähren sie aus dem eigenen Garten nicht nur weitestgehend die Gäste, sondern zeigen Interessierten, wie man durch bestimmte Bepflanzung gänzlich ohne Pestizide auskommen und das ganze Jahr frisches Obst und Gemüse ernten kann. In diesen besonderen Zeiten, wo es ja auch hier in Anfangszeiten von Corona strikte Regeln selbst fürs Einkaufen gab, ist sowas sicherlich besonders wertvoll. Sie mussten hier kaum raus. Und durch den eigenen Anbau wird eben auch nichts auf aufgepumpte Größe gezüchtet und es hat alles noch wirklich Geschmack. Manchmal denke ich mir ja, sowas müsste man eigentlich selbst mal machen, wenn irgendwo wieder ein Platz zum Leben gefunden ist. Nur kann man mich leider mit Gärtnern in jeglicher Form jagen. Aber die Idee find ich eigentlich super. Na, mal sehen…

 


In diesen Tagen macht man sich schon so seine Gedanken, wie wohl die Chancen auf baldige Grenzöffnungen stehen, wenn in den Großstädten immer noch die Corona-Ampel auf rot steht und die Streiks vielleicht auch noch dazu beitragen, dass sich der Staat mit der Öffnung schwer tut. Jedenfalls erleichtern die Sperren nicht gerade unser Vorankommen Richtung Süden. Als ich mich mit der Kolumbianerin Alexa darüber unterhalte, scheint sie irgendeinen Einfluss auf mich auszuüben, dass mein Stress dazu langsam herausdiffundiert. Wie auch immer genau sie das macht… Vielleicht reicht ja schon ihr aktives Zuhören und ihr verständnisvolles Eingehen auf meine Sorgen…

Das Örtchen Guatapé ist mal wieder kunterbunt, dieses Mal besonders charakteristisch durch die 3 D Deko-Modellierungen an den Fassaden der gedrungenen Häuser. Entweder handelt es sich um Motive aus dem traditionellen Leben bzw. Handwerk, der für das Land typischen Tiere oder um Muster. Da durch Vatertag, der hier auf einen Montag stattfindet, jetzt langes Wochenende ist, haben sich hier viele Besucher aus dem Umland eingefunden. Es ist proppevoll. Wiedermal stellt sich mir die Frage, wie das dann erst alles in Touristenhochphasen aussehen muss? Hier und da hat man auch noch einen Blick auf den aus der Landschaft deutlich herausragenden Monolithen El Peñol, der das Wahrzeichen des Stausees und der Gegend ist.

Das hier ist auch so ein Ort zum Eingelullt-Werden, da es so schön ruhig gelegen und Gäste wie Gastgeber so freundlich sind. Aber nach 3 Tagen müssen wir nach Medellín, da ja Jumpy auch noch eine Verlängerung des temporären Imports braucht. Und dafür müssen wir zur Zollbehörde DIAN, die nur in bestimmten Städten ansässig ist. Und das, obwohl die Stadt in diesen Tagen voll mit roten Symbolen voll ist, die Sperrungen markieren. Irgendwie müssen wir uns da vorbeimogeln, möglich, aber nervig! Gleichzeitig erzählt Paula, dass ihre in Medellín lebenden Eltern die Situation kaum dramatisch finden. Ja, wat denn nu? Nützt aber alles nix, wir müssen los!

 


Heute morgen sind nun recht wenige rote Böbbels zu sehen, also schnell hin. Nach überschaubarer Fahrtzeit und einer steilen Abfahrt in den Talkessel kommen wir ganz schön geschmeidig in MEDELLÍN an. Was haben die denn alle mit „Ach, der Verkehr ist so schlimm“? Wir sind zwar auch nicht in der Rush Hour unterwegs, aber nach all den Beschwerden von anderen haben wir Schlimmstes erwartet. Aber: Kein Problem! Wie schön! Wir dürfen bei einem Hostel in der besten Gegend der Stadt vor der Haustür stehen. Trotz Großstadt und der nahe gelegenen Einfallsstraße ist es hier echt ruhig. Das Hostel ist gut besucht und wir treffen einige interessante Leute an. Am besten unterhalten wir uns mit Peter aus Australien. Er war auf Reisen, als die Pandemie gestartet ist und bis heute lassen sie ihn nicht mal mehr ins eigene Land. So arbeitet er von unterwegs und tingelt solange durch die Weltgeschichte. Ich dachte, ich hätte bereits viel gesehen, aber er scheint wirklich schon überall gewesen zu sein und weiß gefühlt auch alles. Sehr interessanter Mensch! Ansonsten gibt es hier einen kanadischen Goldminensucher, einen jungen, ehemaligen US-Army-Soldaten, der das Leben jetzt nur noch unter Alkohol und Drogen zu ertragen scheint, wie so einige andere, auch ohne Soldat gewesen zu sein. Aber wenigstens sind sie trotzdem freundlich und vollkommen harmlos. Ein Franzose, der außerhalb seines Landes tatsächlich mit Nicht-Franzosen sprechen mochte, war auch ein paar Tage hier. Diejenigen, die wir seit Reisebeginn von dort getroffen haben, mussten sich ja schon einen abbrechen, überhaupt mal zu grüßen.

Gleich am nächsten Morgen machen wir uns auf zum DIAN. Auch die Metro wird zu diesen morgendlichen Zeiten in erstaunlich übersichtlichem Maß genutzt. Das ist eine 5-Millionen-Metropole, wo sind die denn alle?! Ich weiß gar nicht, was wir beim Zollprozedere erwarten, aber nicht, dass das Ding nach 5 Minuten bereits durch ist. Solange noch Pandemie herrscht mit geschlossenen Landgrenzen, darf Jumpy auch im Land bleiben. Wir sollten uns einfach in ein paar Wochen nochmal schlau machen, wie der Stand der Dinge ist. So einfach kann’s gehen!
Am Nachmittag (19.05.) dann die sowas von völlig unerwartete Überraschung: Die Medien geben bekannt, dass Kolumbien all seine Grenzen öffnet! Als ich das lese, kullert auch schonmal ein Tränchen runter. Ich sag ja, ich kann eingesperrt sein nicht ertragen und die Aussicht, dass ich das Land verlassen kann, wann ich will, ist schon echt eine Erleichterung! Wie müssen sich da wohl erst die Bürger damals in der DDR am Tag des Mauerfalls gefühlt haben…? Unvorstellbar!
Beim genauen Lesen der Zeilen ist dann aber wiederum gar nicht klar, ob auch Ecuador die Grenzen öffnet. In diesen bekloppten Zeiten kann das ja auch nur einseitig der Fall sein. Ist es wohl zunächst auch, aber in Ecuador kommt in ein paar Tagen der neu gewählte Präsident ins Amt. Der will angeblich auch sein Land öffnen. Weiter die Daumen drücken!!! Aber es tut sich was und auch das hilft schonmal!
Bei der Gelegenheit muss ich an das Gespräch mit Alexa denken. Tse, Magie…!

 

 

Medellín ist ja der ehemalige Dreh- und Angelpunkt des mittlerweile erschossenen Drogenbarons Pablo Escobar. In Kolumbien hat angeblich jede Familie in irgendeiner Weise einen Verlust zu beklagen, der mit seinen kriminellen Aktivitäten zu tun hatte. Daher will die übrig gebliebene Familie möglichst alles vernichten, was er so an Villen, alten Autos, Flugzeugen und sonstigen „Andenken“ hinterlassen hat, wohl um damit auch die Erinnerung zu tilgen. Als ob das funktionieren würde… Jedenfalls gibt’s heute davon nicht mehr so viel zu sehen.

Statt dessen sehen wir uns aber die KOMMUNE 13 an, die im 2-tägigen Guerilla-Krieg von 2002 schlimm getroffen wurde. Zu den Zeiten - die ja gar nicht mal so lange her sind - handelte es sich wohl um eine der gefährlichsten Bezirke in ganz Südamerika. Wir gehen mit einem in der Kommune aufgewachsenen Guide mit und er erzählt uns, wie er die Angriffe als 11-jähriges Kind erlebt und auch überlebt hat, da er sogar angeschossen wurde. Früher waren die Häuser und Baracken in einem schlimmen Zustand, die Wege waren matschige Trampelpfade und aus der Gegend ging so schnell keiner runter in die Stadt. Und von dort erst recht keiner rauf. So war die Kommune in ihrem Favela-Modus von dem Rest abgeschottet. Dann gab es aber nach dem Krieg eine Investition in eine lange Rolltreppe, so dass das Viertel besser an die Stadt angeschlossen werden konnte. Gleichzeitig wurde die Asphaltierung der Wege vorgenommen. Und dann lieferte der erste Künstler, der zu Pinsel, Farbe und Spraydose gegriffen hat, die Initialzündung dazu, die Erlebnisse und die Vergangenheit der Kommune in Bilder umzusetzen. Das Ganze setzte sich fort, so dass heute viele bunte Motive an den Mauern prangen. Dabei zeigen sie die Anspielungen an damalige Zeiten meist eher versteckt und symbolisch. Johann meint, dass hier alle stolz über die Entwicklung sind, obwohl es politisch auch noch viel zu tun gibt für die arme/ärmere Bevölkerung, siehe Streiks und Sperrungen… Dennoch hat sich das Viertel in den vergleichsweise wenigen Jahren in einen durchaus sicheren Lebensort verwandelt. Respekt! Was eine Rolltreppe, Teer und Farbe alles bewirken können! Manchmal braucht es nicht viel Anstoß, um Verbesserungen zu erzielen und Menschen den Mut zu geben, ihre Entwicklung selbst weiter zu gestalten!

 


Am letzten Abend, wo doch vorher alles immer ganz prima lief, sitzen ein paar kolumbianische Gäste vor dem Hostel und hören mal wieder viel zu laute Musik. Eigentlich schon den ganzen Tag, was man in diesem Land leider manchmal aushalten muss. Fragt man sie, reagieren sie auch noch beleidigt und fangen an zu pöbeln. Wenn wir in unserem Auto vor dem Haus übernachten, wären wir ja gar keine richtigen Gäste und unsägliche Musik hören wäre ja Tradition und bla, bla, bla. Der Nachtrezeptionist ist Teil der Party und hat ebenso kein Verständnis. Aber trotzdem drehen sie den Sound irgendwann runter. Geht doch! Meine Güte, es geht ja bloß um ein bisschen Rücksicht aufeinander. Die ganze Woche vorher hat es das aus aller Herren Länder stammende Kiff- und Sauftrüppchen schließlich auch geschafft, in brauchbarer Lautstärke übers Leben zu philosophieren und Musik zu spielen. Bei den Einheimischen funktioniert dahingehend irgendwas nicht. Und so sind heute auch andere Hostelgäste von dem Lärm genervt, machen aber den Mund nicht auf. Und wie immer bin ich diejenige, die was sagt und sich dann auch noch den Unmut derjenigen einfängt, die irgendwelchen Blödsinn verzapfen, in welcher Art und Weise auch immer…

Wir wollen am Folgetag weiter, da können sie ja wieder machen, was sie wollen. Aber erst steht noch die Verlängerung der Kfz-Versicherung (SOAT) für Jumpy an. An verschiedensten Stellen in der Stadt kann man das tun, aber alle verweisen auf eine einzige Adresse, wo man das auch nur für eine begrenzte Monatsanzahl statt eines ganzen Jahres abschließen kann. In der Filiale angekommen, verneinen sie allesamt, dass dies hier oder überhaupt ginge. So muss man auch hier den Leuten wieder ihren Job erklären. Doch geht, wissen wir! Nach unnötiger Warterei und viel Argumentation kriegen sie’s dann doch plötzlich hin. Und der Zettel sieht am Ende ganz genau aus, wie der vorher. Sie hätten es nur ablesen und ins System geben müssen. Aber Position um Position brauchen sie eine Erklärung, wie das alles auszufüllen ist. Es ist zum Haareraufen, aber am Ende schaffen sie’s dann doch mal.

Eigentlich hätten wir nach Süden aus der Stadt fahren wollen, aber da auf der Haupt- als auch der Nebenstrecke noch Blockaden sind, fahren wir eben wieder denselben Weg zurück gen Osten über den Rio Claro. Heute aber nur erstmal aus der Stadt raus auf einen Platz, wo sich sonst viele Overlander tummeln. Jetzt sind viele dieser Fahrzeuge auf dem Gelände geparkt, bis die Pandemie durch ist. Die Leute dort freuen sich, dass nach langer Zeit mal wieder fahrende Exemplare unterwegs sind. Da dieser Ort am Rande Medellíns oben in den Bergen liegt, ist es trotz nur einstündiger Fahrzeit schon deutlich kühler und regnerischer. Eine Französin hat hier ein ganzes Jahr verbracht, obwohl man doch nach einem halben Jahr strengen Lockdowns im Land wieder überall hin durfte. So ganz verstehen wir ihre Erklärung nicht, aber das muss ja am Ende auch jeder selbst wissen. Sie ist jedenfalls jetzt das tägliche Wandern im nebenan liegenden Wald gewohnt und als wir mit ihr losziehen, düst sie die Wege rauf und runter wie ein Wiesel. Und muss dann immer mal wieder auf uns warten. Wir wollten ja hier auch nicht durchjoggen, sondern wandern…

 

 

Wir haben uns überlegt, uns nun entweder erst nach Bogotá oder direkt zur Wüste Tatacoa zu begeben. Und da in der Hauptstadt die harten Corona-Restriktionen wieder aufgehoben wurden, Blockaden auch kaum mehr auf der Karte zu sehen sind, wollen wir es nun doch einmal angehen, unsere Freunde dort zu besuchen. Eigentlich hat ja bisher noch jeder Einheimische davon abgeraten, dorthin zu fahren. Zu gefährlich, gibt sowieso nichts zu gucken, was wollt Ihr da, usw. Daher wollen wir auch nur am Stadtrand bleiben und da Jorge mit seiner Familie nicht weit von diesem Standort lebt, wäre dies ja zumindest recht einfach gewesen. Und ein Treffen mit Fernando und seiner Familie hätten wir bestimmt auch noch hinbekommen. Aber kaum auf einem Platz in San Francisco für den letzten Zwischenstopp auf der Route bis zur Hauptstadt angekommen, teilt uns Jorge am Telefon traurig mit, dass alle bei ihm grade krank geworden seien, nicht gravierend zwar, aber besuchen ist dann natürlich nicht. Und da er uns noch zusätzlich eröffnet, dass Bogotá gerade die bisher höchste Zahl an Corona-Infizierten hat und Fernando sich bisher nicht zurückgemeldet hat, nehmen wir’s mal als Zeichen, dass wir in diese Stadt einfach nicht reinsollen. Nach der Osterwoche mit den verschärften Restriktionen kamen wir schon nicht rein und jetzt spricht erneut alles dagegen. Und eine ganz neue, unumfahrbare Straßenblockade genau auf unserer Route in die Stadt, die ein paar Tage lang nicht weichen will, gibt uns dann noch den Rest.

Langsam hab ich die Schnauze voll: erst die Pandemie, dann die nach Ecuador immer noch geschlossenen Grenzen, zusätzlich noch die Straßensperren und dann hat besonders der Südkolumbianer den Revoluzzer in sich entdeckt. In Cali und der Region drumherum war die Situation richtig eskaliert mit jeder Menge Schießereien zwischen Polizei, Streikenden und Indigenen, Krawalle und sinnloser Zerstörung, so dass die Anwohner sich dort eine Zeitlang gar nicht aus dem Haus getraut haben. Mittlerweile hat sich die Situation dort zwar schon beruhigt und es wurde bereits extra viel Militär dorthin geschickt, aber dass der Präsident des Landes bisher zu keiner Unterzeichnung möglicher Lösungen mit den Anführern des Generalstreiks bereit ist, lässt vermuten, dass die Lage sich auch schnell wieder verschlechtern kann. Auch wenn wir die ganze Region um Cali leicht umfahren könnten, ist doch der Süden allgemein stimmungsmäßig angeheizter als der Rest des Landes und dann ist es auch noch schwül-heiß dort. D.h. will man in Landesteilen, die gerade vor Unruhe strotzen auf eine Grenzöffnung warten, die nach aktuellsten Erkenntnissen doch nicht so schnell passieren wird? Und dann ist man da und muss notfalls durchs ganze Land wieder zurückfahren, wenn das nichts wird mit der Ecuador-Einreise. Peru hat gerade frisch zugegeben, die Hälfte der aktuellen Corona-Zahlen verschwiegen zu haben. Und die waren vorher schon sehr hoch, jetzt sind sie es erst recht. Dort sind so viele Gebiete noch rot bis dunkelrot, wo auch quasi nichts erlaubt ist. Das wird noch ewig dauern, bis die an eine Grenzöffnung denken. Argentinien kommt auch hinten und vorne nicht auf die Füße, da ist es grade richtig schlimm. Und selbst in Chile, von denen wir mal gelesen hatten, dass die wie wild impfen, sieht’s auch noch ziemlich böse aus. Von Bolivien hört man gar nichts. Aber das Land ist so arm, da ist eine schnelle Erholung von Corona auch nicht zu erwarten. Selbst wenn also Ecuador aufmachen würde, was dann? Das Land ist relativ klein und wir würden recht bald schon wieder vor verschlossenen Türen beim nächsten Land stehen.

 

 

Da sich Mittelamerika so schnell berappelt hat und sich auch Kolumbien von schärfsten Regeln bis hin zu einem wieder recht freien Reiseland innerhalb von 6 Monaten nach Pandemiestart entwickelt hat, waren wir bei der Ankunft hier deutlich optimistischer, was die weiteren Länder gen Süden angeht. Und auch bei diesen gilt nach wie vor, dass man dort als Tourist per Flieger rein darf, Reisen an sich scheint nicht so sehr das Problem zu sein. Nur eben als Privatperson auf dem Landweg ist kein Durchkommen. Macht keinen Sinn, alles bloß ein Politikum, aber das Ergebnis bleibt für uns das gleiche: Wir kommen hier nicht weiter. Auf etwas Wartezeit hier und da haben wir uns auf jeden Fall eingestellt, aber nicht so sehr darauf, dass es nach Land 1 in Südamerika nicht vorangeht. Wir könnten das Auto auf den LKW laden und dann mit Flieger nach Ecuador. Das ginge! Aber wollen wir diese jawohl kaum günstige Variante dann an jeder Grenze durchziehen? Zumal die Flughäfen jeweils auch nicht grenznah liegen würden. Nee, das isses auch nicht. Und Jumpy hier stehen zu lassen und die südlichen Länder mit Flieger, öffentlichem Bus oder Mietwagen zu bereisen, ist für uns ebenfalls keine Option. Jedenfalls nicht, wenn man sich schon lange ausmalt, wie wir mit Jumpy mitten im Nichts so schön in der Atacama-Wüste, auf riesigen Salzseen wie dem Salar de Uyuni und ähnlich gigantischen Gegenden stehen bzw. fahren könnten. Diese Landschaften waren für mich mal der eigentliche Grund, diesen Kontinent zu besuchen. Außerdem habe ich mich bei laut gedrehter kolumbianischer Musik und Hundegebell so darauf gefreut, dass es gen Süden deutlich ruhiger werden würde, weil es viel mehr freie Fläche - von den Wüsten mal ganz abgesehen - zum wild Übernachten gäbe. Ist aber grade alles nicht.

Was also tun? Dahin gehen, wo mehr Freiheit herrscht! Und das ist ja nach neuesten Meldungen wohl Europa. Ich dachte eigentlich, eine Langzeitreise könnte man auf dem eigenen Kontinent auch gut im Alter machen, wenn man keine Lust mehr auf Flugreisen hat… Aber nach über einem Jahr Negativschlagzeilen und richtig strengen Regeln scheint sich die Lage dort ja wirklich auf einmal ganz plötzlich zu erholen. Vor Kurzem haben wir noch über die „Bundesnotbremse“ gelesen und uns gefragt, wie lange denn alle wohl noch durchhalten sollen. Und kurze Zeit später nun eine Öffnungsmeldung nach der nächsten!
Wie schön, das freut uns! Endlich dürfen alle mal wieder was!!! Wir gönnen es Euch allen! Na denn, kommen wir eben auf einen Zwischenstopp in Deutschland vorbei (Quarantäne, impfen, Familien und Freunde besuchen, an Jumpy ein paar Sachen korrigieren, wenn wir schonmal da sind, usw.) und reisen dann in Europa dahin, wo es möglich ist. Danach schauen wir mal, wie und wo sich der Rest der Welt wieder berappelt.

Den Rest Südmerikas machen wir dann ein andermal. Die Landschaften dort sind ja nicht weg, sie sind gerade nur nicht erreichbar. Jetzt steht also wieder eine Verschiffung an, obwohl ich doch so froh war und geglaubt hatte, damit erstmal eine ganze lange Zeit nichts mehr mit zu tun haben zu müssen… Aber was soll’s. Mitte Juli sind wir also wieder „in the hood“.

 

 

In der Zwischenzeit machen wir es uns wieder in VILLA DE LEYVA gemütlich. Da hatten wir ja vor ein paar Wochen einen schönen Platz bei einem Hostel und das Klima war recht angenehm. Wir kennen da noch ein paar Leute, wir freuen uns wieder über die guten Restaurants und über richtig schönes Brot. Damit können wir uns schonmal wieder an Deutschland gewöhnen. Mit dem Wetter allerdings auch, denn nach der ersten sehr sonnigen Woche regnet’s darauf jeden Tag, es ist kühl, trüb und feucht.

Wir gehen mit dem Koch Fernando nochmal wandern und kochen für ihn, da er uns diverse Male Hilfestellung für dies und das geleistet hat. Tatjana, die Langzeitgästin vom letzten Mal ist auch noch da und sie hat sich vorgenommen, uns nochmal einige Lektionen in Spanisch zu erteilen. Im Ort kann man sich ja ganz gut beschäftigen und die Orga für die Rückkehr braucht schließlich auch ihre Zeit. Und dann versuchen wir noch, eine neue Windschutzscheibe zu bekommen, da unsere bereits in den ersten Wochen der USA einen langen Riss nach ein paar Steinschlägen bekommen hat. Hier ist sowas allen egal, dem deutschen TÜV ja leider nicht. Der empfohlene Mechaniker aus der Nachbarstadt ist angeblich mit wenigen Maßen und nem Foto vom Auto zufrieden, um sagen zu können, dass er dieses doch seltene Scheibenmodell da hat. Er will um 7 Uhr morgens bei uns am Platz sein. Wir sind noch sehr skeptisch, ob die ganze Aktion was wird. Aber wir stehen sogar extra noch vor 6 h auf, damit am Ende…. nichts passiert. Er ruft nicht durch, sagt immer, er käme gleich und am Ende ist es 19 h abends, bis er auf den Hof fährt. Er sieht unser Auto ja jetzt im Original, aber auch hier sagt er nichts. Statt dessen sollen wir ihm zu einem Mechanikergelände folgen, denn beim Hostel haben wir nicht mehr genug Licht für eine Reparatur, ist ja schließlich schon dunkel. Und was stellen wir fest? Dass er die falsche Scheibe dabei hat… Tja, er wollte ja nicht mehr Angaben zum Fahrzeugmodell haben. Jetzt ist er extra aus Tunja gekommen und wir haben auch den ganzen Tag gewartet. Für nichts! Typisch kolumbianische Erfahrung, meint Fernando… Hach ja…!

 

 

Ein weiteres Abenteuer ist dann der Versuch, einen eigentlich ganz unspektakulären Tagesausflug zum „Patio de Brujas“ zu machen. Wir hatten vorher bereits die Info bekommen, dass die Strecke wieder holperig wird, aber dies mit unserem Auto ja kein Problem sei. Dementsprechend sind wir auch nicht verwundert, als uns Google über solche Pisten schicken will. Der erste Part offroad ist dann auch nicht weiter wild. Ich freu mich grade, dass man ja schon einiges an Steigungen gewöhnt ist und diese hier dementsprechend Spaß machen, da wird’s richtig fies. Steile Anstiege, in die der Regen der letzten Monate auch noch tiefe Furchen gewaschen hat, führen dazu, dass Jumpy zwei Mal fast zur Seite umkippt, weil der Unterschied zwischen Furche und Weg höhenmäßig zum Teil beträchtlich ist. Und so schief müssen wir dann auch noch die Anhöhen hinauf. Warum sind hier eigentlich schon wieder Berge? Von wegen, nur holperig. Es nimmt irgendwie auch gar kein Ende, dass wir irgendwo hoch müssen. Und nirgendwo ein Platz zum Umkehren. Ich wollte da heute keinen Kraftakt von machen, ich wollte mir einfach nur eine Wüste mit „Hexenplatz“ ansehen. Mal wieder wünsche ich mich in ewig weite Landschaften, wo Berge allenfalls als Deko am Horizont sichtbar sind…

Uns kommt ein Paar auf nem Moped entgegen. Sie sagen uns, dass der „Patio de Brujas“ von Raquira aus über eine recht leichte Offraod-Piste erreichbar sei… Mist, schon wieder auf Google reingefallen. Wir sind ja dankbar über diese technische Errungenschaft, die einem das Reisen enorm erleichtert. Nur von Pisten hat das Programm leider so überhaupt keine Ahnung… Auf der Kuppe angekommen, haben wir endlich mal eine Möglichkeit zum Wenden. Wir haben eine anderen Weg gesehen, der von Weitem einfacher schien. Ist er erst auch, bis wir auf einmal - wiedermal schief -  vor einem Erdrutsch stehen. Links ist der Weg weggebrochen, rechts der Hang. Da passen wir nicht durch und schräg ist das Ganze auch noch. Die einzige Möglichkeit, hier durchzukommen, heißt schaufeln! Dies artet in einer ziemlichen Plackerei aus. Wir wechseln uns ab und nach über einer Stunde haben wir zwar schon ein bisschen was vom Hang abgetragen und den Abraum in die Furchen geworfen, aber dadurch, dass das alles sehr steindurchsetzt ist, kommen wir nicht so schnell voran. Aber dann kommt in entgegengesetzter Richtung auf einmal ein PKW angefahren und die 4 Leute helfen uns tatkräftig, eine fahrbare Strecke aus dem Erdrutsch zu machen. Nach insgesamt 3 Stunden und 3 Anläufen ist es dann endlich geschafft! Jumpy kann durchfahren, nicht ohne allerdings mit dem Hinterreifen nochmal fast den Abhang hinabzurutschen. Puh, anstrengend! Wir sind unendlich dankbar, dass die anderen vorbeigekommen sind. Wer weiß, wie lange es sonst ohne sie gedauert hätte! Als sie es mit ihrem PKW versuchen, kommen sie allerdings die Anhöhe nicht hoch. Da würde auch alles Schaufeln nichts mehr helfen. Jetzt wollen sie zu Fuß weiter. Und wir fahren wieder nach Villa de Leyva und brechen unseren Ausflugsversuch für heute ab. Der Rest der Strecke ist auch wieder lächerlich einfach…

 

 

Am nächsten Tag fahren wir eben über Raquira über eine deutlich einfachere Piste zum PATIO DE BRUJAS. Dieser „Hexentanzplatz“ (wie auf dem Harzer Brocken) besteht aus mehreren, in einem großen Kreis angeordneten Tonsäulen, ein bisschen wie Stonehenge, nur kleiner. Es ist auch eigentlich nicht so viel Besonderes dabei, aber es sollte ja gestern auch nur ein kleiner Ausflug werden.

 

 

RAQUIRA ist ein Ort, der aus ganz vielen Touri-Shops besteht, prall gefüllt mit Chinaware. Das Städtchen hat gar keine Attraktion, warum hier soviel von diesem Zeug angeboten wird, erklärt sich uns so überhaupt nicht. Drumherum soll die Candelaria-Wüste liegen, wir fahren mal rein. Mittendrin befindet sich ein Monasterium. Allerdings nicht inmitten von trockener, sondern von saftig grüner Landschaft… Das mit den Wüsten soll wohl im Moment einfach nicht sein…

 

 

Und schon sind wieder 3 Wochen um, als wir ein Stück weiter Richtung Norden nach BARICHARA fahren. Wir kommen bei einem sehr lieben, holländischen Paar auf ihrem großen, wunderschön gelegenen Grundstück unter. Das selbst gebaute Haus sieht aus wie aus einem Architekturmagazin, fantastisch! Aus dem Wohnzimmer-Küchen-Terrassentrakt, der wegen ganzjährig gleicher Temperaturen kaum feste Wände besitzt, hat man eine großartige Aussicht auf die umliegende Landschaft. Zentraler Blickfang ist auch noch ein riesiger Kaktus. Herrlich! Julia ist Architektin und Joep Archäologe. Das sieht man zum einen im Design aller Bereiche, zum anderen auch im aktuellen Bauprojekt der beiden neuen Badhäuser, die tatsächlich derzeit den Eindruck einer Ausgrabungsstätte erwecken. Was davon jetzt schon fertig ist, gleicht römischen Bädern und drumherum liegen lauter Steine, die sie aus dem Grundstück ausgebuddelt haben und die darauf warten, in den Wänden noch ihren Platz zu finden.

Es ist sehr angenehm mit den beiden, da sie sich über jede Möglichkeit, etwas Neues zu lernen, freuen. Das mag ich! Von anderen Menschen, die ihnen während Volontärszeiten auf dem Grundstück praktische Dinge beibringen oder neue Denk- und Handlungsweisen, die sich durch das Leben auf dem Land mitten in der Natur im positiven Sinn in ihren Alltag eingeschlichen haben. Und zuvor waren sie auch auf Weltreise unterwegs und haben darüber Kolumbien kennen gelernt.

 

 

Zu Fuß ist der Ort Barichara in einer 3/4 Stunde zu erreichen. Es bietet sich ein Bild von einem alten, sehr hübschen Dorf. Es sind ein paar Anleihen von Villa de Leyva zu erkennen, aber trotzdem ist es noch uriger hier und es wirkt, als ob der Ort noch ein bisschen im Dornröschenschlaf liegt. Wobei wir gehört haben, dass auch dieser sich schon sehr verändert haben soll. Dabei sind aber noch recht wenige touristische Läden vorhanden und die Resturants, die wir austesten, halten wir für eine Aufwertung dessen, was man sonst so auf diesem Land auf Speisekarten zu lesen bekommt. Eine fragwürdige Spezialität, die nur in dieser Region vorkommt, sind die "hormigas culonas" - die Ameisen mit dem dicken Hintern. Sie krabbeln jedes Jahr im April aus der Erde und werden dann eingesammelt und geröstet. Wir bekommen welche von den Riesenviechern zum Probieren angeboten. Hm, sie schmecken ein bisschen würzig-nussig im ersten Moment, aber kaum ist der Geschmack weg, überwiegt das Gefühl, lauter Getreidespelzen im Mund zu haben. Als Torben dann auch noch anmerkt, ich hätte da noch ein Bein am Mund, kann's einen dann auch schonmal schütteln. Die Marktfrau amüsiert's, ich seh lieber zu, den Rest runterzuspülen. Buuaah! Aber muss man ja doch alles mal probiert haben...

 

 

Hier hätten wir auch sehr gut noch länger bleiben können, aber wir haben ja unseren Verschiffungstermin im Blick und fahren los. Über kurvige Bergstraßen, durch kakteenbewachsene Canyons immer weiter, bis wir mal wieder im Flachland ankommen. Es wird zunehmend warm und schwül. Offenbar zu sehr, denn bei diesen klimatischen Bedingungen scheinen die Einheimischen keinen Schritt mehr zuviel machen zu wollen, denn zumindest der Weg zum Mülleimer ist wohl zu weit. Überall liegen Mengen an Plastik und anderem Zeug am Wegesrand. Im Rest des Landes liegt nicht so viel rum. Kaum will man grade den Kopf über die Verschmutzung schütteln, da freut sich eine Frau an einer der Mautstellen wie bekloppt, als wir ihre Frage nach unserer Herkunft beantworten. Und schwupps sind wir wieder hin und weg von der spontanen Herzlichkeit und Freundlichkeit, die einem hier doch immer wieder entgegengebracht wird.

 

 

Nach insgesamt 2 1/2 langen Fahrtagen kommen wir in CARTAGENA an. Das hätten wir uns auch nicht träumen lassen, dass wir hier auf dieser Reise nochmal herkommen würden. Und der Karibik hatten wir ja eigentlich auch schon tschüss gesagt. Da issie nun wieder! Naja, man könnte in schlimmere Gegenden der Welt zurückkehren, zugegeben!

Zunächst suchen wir uns ein Hostel aus, bei dem wir, solange Jumpy noch nicht auf dem Schiff ist, ihn direkt vor der Hautür stehen haben können. Daher bleiben wir im Stadtteil Manga, was eher ein Wohnviertel ist, z.T. durchsetzt mit schönen, alten Kolonialbauten.

 

 

Es jetzt wieder große Putz- und Schrubbaktion angesagt. Und erneut wundern wir uns, wie lange man an so nem vergleichsweise kleinen Auto rumtüddeln kann. Eine Reinigung von außen, Unterboden und Motorraum bekommt er auch noch vom Profi. Für umgerechnet schlappe 10 € für ein paar Stunden Arbeit! Ein Witz! Kaum fertig, bekommen wir den Anruf, dass das Schiff 2 Tage Verspätung hat, wir Jumpy wegen des verlängerten Wochenendes dazwischen also doch erst in der nächsten Woche in den Hafen bringen müssen. An sich sehr gut, so haben wir bei der Hitze noch mehr Zeit, die Sachen, die wir am Auto noch vorbereiten wollen, auf mehrere Tage zu verteilen. Auch wenn wir daduch fast 2 Wochen bis zu unserem Abflug in der Stadt sind. Aber auch hier gilt: Es ist ja schön hier, warum also ärgern. Freuen wir uns lieber, dass wir diese bunte, hübsche Stadt noch länger genießen können.

Durch unsere bisherigen mühseligen Verschiffungserlebnisse (außer in Guatemala, Berrit sei Dank!) sind wir doch ein bisschen aufgeregt, als es nun zum Hafen geht. Aber es ist alles soweit an Papieren organisiert, lediglich ein bisschen Wartezeit hier und da. Und dann steht Jumpy zumindest schonmal auf dem Hafengelände. Am nächsten Tag steht noch die Drogenkontrolle an. Es wurde uns angekündigt, dass dann alles, aber auch wirklich alles aus dem Auto ausgeräumt und draussen auf dem Gelände ausgebreitet werden muss, damit dies von den Kontrolleuren und zusätzlich von den Drogenhunden inspiziert werden kann. Da nur einer von uns im Hafengebiet erlaubt ist, hat Torben die Ehre, diese Aufgabe in praller Sonne bei enorm schweißtreibenden Temperaturen zu übernehmen. Aber die Beamten mögen Jumpy und Torben hat wohl auch keine Schmuggler-Ausstrahlung, so dass wenigstens alle Klamotten drin bleiben können. Was am Ende aber immer noch als Frage übrig bleibt, ist, wie das eigentlich bei Regen vonstatten gegangen wäre. Man hätte ja schlecht die ganzen Sachen nass wieder ins Auto packen und dann 3 Wochen im Schiff vor sich hin gammeln lassen können… Egal, ungelegte Eier… Ich bin jedenfalls happy, als ich höre, dass alles gut verlaufen ist!

@ Fernando C.: Maybe your supporting emails have also helped to make things run well… ;-)

Kaum steht Jumpy im Hafen, schreibt uns Danny (diesmal aus Panama), dass Ecuador heute grade frisch die Grenzen geöffnet hat. Ich überlege kurz, ob ich mir mal eben in den Hintern beißen soll. Aber nee, die Neuigkeit ändert ja nichts an der Tatsache, dass wir dann auf Peru warten müssten. Und sollten wir dann vorzeitig nach Europa zurückkehren wollen, müssten wir auch noch durch beide Länder Ecuador und Kolumbien wieder komplett zurückfahren. Das macht ja auch keinen Sinn. Also lieber zu einem besseren Zeitpunkt hierher zurückkommen und einen neuen Anlauf nehmen.

 

 

Jetzt, wo wir keinen Parkplatz mehr vor der Haustür brauchen, ziehen wir in den wuseligen, bunten Stadtteil Getsemaní um. Genau in die Unterkunft, bei der wir ganz zu Anfang auch bereits gewohnt haben. Gastgeberin Fanny wohnt ja normalerweise in New York und kommt nur 2 Mal im Jahr in ihren Heimatort zurück. Im Februar waren sie und ihr Mann auch schon zum selben Zeitraum hier wie wir und jetzt ist sie auch gerade wieder da. Was für ein Zufall! Als wir vor ein paar Tagen für ein Zimmer angefragt haben, hat sie sich riesig gefreut, uns wiederzusehen und überlässt uns das ruhigste Zimmer des Hauses. Und das, obwohl sie das eigentlich für sich selbst reserviert hatte. Wir sind ihr echt dankbar!

Zwischendurch ruft nochmal Jorge an und fragt uns - wie auch in den letzten Wochen immer mal wieder - wie es uns geht und ob wir bei irgendetwas Unterstützung bräuchten. Und übrigens sollen wir auch wissen, dass wir immer eine weitere Familie in Filandia hätten und wir immer herzlich Willkommen wären. Ist das goldig?

Die letzten Tage in Kolumbien genießen wir nochmal die schönen Gassen und leckeren Restaurants. Beim Franzosen, bei dem wir schon an meinem Geburtstag waren, ist die Besitzerin Valerie diesmal auch da und widmet sich allen Gästen sehr aufmerksam. Sie ist sehr inspiriert von unserer Reise, hatte sowas auch schon immer im Hinterkopf und will sich das durch unsere Erzählungen für sich selbst ebenfalls auf die Fahne schreiben. Einig sind wir uns mit ihr ebenso bei dem großen Fragezeichen, das wir zur kolumbianischen Küche haben. Wie auch in Mexico wächst hier alles, wirklich alles, was man sich nur vorstellen kann und darüber hinaus, denn viele der Früchte und Gemüsesorten kennen wir Europäer überhaupt nicht. Und dann können sie hier auch noch zweimal im Jahr ernten, weil das Klima einfach optimal fürs Wachstum ist. Gefühlt landet davon aber quasi nichts auf dem Teller, schon gar nicht als Kombi mal raffiniert angemacht. Statt dessen ist ein Teigfladen namens Arepa Nationalgericht und dient oft als Beilage für Eier mit Bohnen und ner Avocado. Das ist der Standard. Das finden wir echt schade, da man soooo viel tolle Sachen aus allem zaubern könnte. Und Obst und Gemüse sind das Günstigste, was man bekommen kann bzw. wächst es doch überall in den Gärten. Das Argument eines zu hohen Preises gilt hier also nicht. Wie dem auch sei, wir verstehen es nicht.

 

 

Ein paar letzte Gänge durchs Viertel und noch ein paar Fotos eines bunten Sonnenuntergangs am letzten Abend in Kolumbien und dann ist es tatsächlich soweit: Wir reisen nach 1 3/4 Jahren wieder nach Deutschland, wenn auch nur als Zwischenstopp! Absurd irgendwie! Eigentlich aber auch ganz schön, weil eines sicher ist: In good old Germany ist endlich mal wieder Ruhe im Karton! Es ist keine nächtliche Musik als Dauerzustand zu erwarten. Ebensowenig wie elendes Hundegebell. Nach 1 1/2 Jahren in Lateinamerika hat sich dadurch bedingt schon eine Menge Schlafdefizit aufgebaut.

 

Auf der anderen Seite fragt man sich beim europäischen Kontinent, bei dem vergleichsweise mehr Ordnung herrscht, warum bei dominierender Corona-Delta-Variante ein EM-Stadion in Wembley voll besetzt ist und die Leute alle ohne Maske rumgrölen dürfen. Oder wahlweise am Ballermann Horden von Leuten ohne Schutzmaßnahmen zusammen feiern. Haben alle immer noch nix gelernt nach 1 1/2 Jahren Pandemie??? Dabei wird nun die Delta-Mutation zum absoluten Risikofaktor deklariert. Länder und Rückreisende von dort werden mit den strengsten Regeln von allen behaftet, obwohl erwiesen und logisch ist, dass eine Mutation vielleicht ansteckender, aber eben auch nicht mehr so gefährlich ist im Hinblick auf Intensivstationsbelegung. Der Virus will ja weiterleben, warum also den eigenen Wirt töten. Eine Zeitlang machen sie aus Delta Schlagzeilen und pünktlich zur Urlaubszeit wird - wie im letzten Jahr - erstmal alles ein bisschen runtergespielt, damit dann im Herbst wieder volle Panikmache und Lockdown ansteht, oder was? Alles voller Widersprüche. Entweder ist Drama oder Freiheit pur. Ein gesundes Mittelmaß scheint’s irgendwie nicht zu geben. Und statt aus der Ferne werden wir dieses Phänomen ja demnächst selbst aus europäischer Sicht betrachten dürfen. Mal sehen, ob wir dann zu einem anderen Bild kommen. Ich glaub aber nicht…


Wenigstens geht die Impferei dort deutlich besser voran als hier, wenn man sich auch fragt, warum Deutschland das auch schon wieder so wahnsinnig verkompliziert. Wir versuchen, von Cartagena aus über unsere Eltern einen Impftermin mit Biontech zu organisieren. Das allein ist ja schon eine Wissenschaft für sich. Ihr werdet damit alle wohl schon mehr Erfahrungen gemacht haben. Wir dachten jedenfalls, es liefe so: Jemand ruft an, macht nen Termin und fertig. Kein Stück! Egal, regeln wir das eben, wenn wir wieder zurück sind. Wir müssen ja sowieso noch 10 Tage in Quarantäne, da haben wir ja Zeit…

 

 

Der Direktflug nach Amsterdam geht über Nacht. Der Sonnenuntergang begleitet uns noch lange und geht später in ein absurdes Blau über. Ich kann mich nicht erinnern, dass 10 Stunden in so einer Kiste schonmal so schnell verflogen sind, im wahrsten Sinne des Wortes. Und so wenig ermüdend fand ich eine Langstrecke auch noch nie. Auch mal ne schöne Erfahrung!
Währenddessen schippert Jumpy da unten wiedermal übers Meer. Er hat mittlerweile schon mehr Meilen auf dem Wasser zurückgelegt als auf dem Land… Armer Kerl! Hoffentlich ist er seefester als ich… Wir können es jedenfalls nicht erwarten, unseren gelackten Freund bald wieder in Empfang zu nehmen!

 

 

FAZIT KOLUMBIEN:

 

Aufenthalt: 5 Monate

gefahrene km: 5.327 und kaum noch Topez, dafür unendlich viele Kurven…

gesamte km: 30.238

Wir sind in den 5 Monaten in diesem Land unglaublicher Gastfreundschaft begegnet, haben am einheimischen Leben teilnehmen dürfen. Auch das ist wiedermal den geschlossenen Grenzen zuzuschreiben, weswegen wir uns erneut viel Zeit mit allem gelassen haben. Mit einer schnellen Durchreise hätten wir das nicht so intensiv erlebt und wären auch nicht in einige abgelegene Ecken gefahren. Die Landschaft ist wirklich sehr abwechslungsreich: Einerseits sehr durch die Anden geprägt - über eine der fingerartigen Kordilleren muss man ja immer -, andererseits dennoch immer wieder anders. Von himmlischen Stränden über Tropen und weiten Prärien bis hin zu schneebedeckten Vulkanen und Gletschern mit über 5.000 m Höhe war alles dabei. Dazu noch wunderhübsche Kolonialstädte und -dörfer. Wir wussten vorher relativ wenig über Kolumbien und sind postiv überrascht. Gerade, wenn man vorher nichts erwartet, ist es wohl umso leichter, jemanden in Erstaunen zu versetzen. So ging’s mir jedenfalls. Ebenso erstaunt waren wir aber, wie sehr viele Menschen hier doch Lautstärke lieben. Meine Güte! Und ich habe nur ein paar aller Stories dazu überhaupt erzählt. Hinzu kommt die Tatsache, dass man durch eingezäuntes Land wohin man blickt nur seltenst die Möglichkeit hat, sich fernab von Zivilisation (und Lärm) mit Jumpy hinzustellen. Das ist der anstrengende Part.
Aber wir werden Kolumbien dennoch in bester Erinnerung behalten, weil wir so viele tolle Dinge erleben und sehen und einige besondere Menschen kennen lernen durften.

Insgesamt haben wir auf unserer bisherigen Reise so viel Lob, Anerkennung, Freundlichkeit und ehrliches Interesse erfahren. Und das, obwohl wir eigentlich ja grade nur auf Tingeltangel-Tour sind. Diese Menge an Zuspruch gibt’s bei der normalen Teilnahme an der Leistungsgesellschaft hinten und vorne nicht. Egal, was für gute Ergebnisse man abliefert. Ist ja alles immer selbstverständlich. Ich glaub, ich reise dann lieber erstmal weiter! Da ist mehr Leben drin!

 

 

 

 

 

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Kommentare: 7
  • #7

    Marko und Petra (Dienstag, 02 November 2021 19:38)

    Liebe Grüße aus der Pfalz. :-) Die Nachbarn vom Campingplatz Luxemburg.

  • #6

    Muddi und Vaddi (Donnerstag, 29 Juli 2021 13:20)

    Hallöchen Ihr Lieben,
    Eure Reiseroute musstet Ihr leider ändern, aber Ihr hattet ja bisher schon tolle und spannende Erlebnisse und habt einzigartige Menschen kennengelernt. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen mit Euch in Braunschweig. Bis bald.
    Muddi und Vaddi

  • #5

    Toddy (Freitag, 23 Juli 2021 09:14)

    Hello Fresh Ihr Sunreiser! Gerade mal wieder Euren Blog gelesen und mich auf den (fast) neuesten Stand gebracht. Bei der Gelegenheit schöne Grüße aus Hometown und ne Mail ist auch raus gegangen.

  • #4

    KAI RICHTER (Donnerstag, 29 April 2021 16:25)

    Moin, ich bin Tropen-Hanseat aus Cali und kann Euch gerne Tipps für Kolumbien geben, mit meiner Frau fahren wir ebenfalls mit einem Troopy 78 + Dachzelt durch ganz Kolumbien. Handy: 3116306556 oder info@karakoles4x4.com Übrigens, die kolumbianische Camper Community verfolgt begeistert Eure Reise durch das Land und jeder der Euch trifft, postet Fotos von Jolly Jumper in den Chats!

  • #3

    Edward Montiel (Sonntag, 25 April 2021 23:55)

    Felicitaciones por su viaje y muchas gracias por visitar nuestra país. Nos cruzamos en la vía Cajamarca-Toche y tome una foto de su hermosa casa rodante que los lleva a los rincones mas incognitos de todo mundo éxitos.

  • #2

    Toddy (Freitag, 23 April 2021 22:25)

    Happy Birthday, Mr. Sunreiser. You got Mail.

  • #1

    Michael Jahn (Mittwoch, 21 April 2021 18:55)

    Erstmal schön, zu hören, daß es Euch gut geht !
    Tolle Geschichte, tolle Bilder, und man hört Eure Begeisterung aus jedem Wort !
    Tscha, Corona ist schon eine zwiespältige Sache, aber ich möchte auch nicht am Krankenhaus-Eingang stehen und entscheiden müssen, wer nun ein Intensiv-Bett bekommt, oder eben nicht. Und davor haben meine Krankenhaus-Kunden eine Riesenangst. Dafür sind sie nicht vorbereitet. Ich wünsche Euch alles Gute auf den nächsten etappen, bleibt gesund und genießt EUREN Trip. Hier in HH läuft in Sachen Dampfern.....einfach nix. Aber das ist nur sehr schade, nicht schlimm. Schlimm ist es für die, die an Monatsende nicht wissen, wie sie die Miete für den nächsten Monat zahlen können. Ich freue mich auf Eure nächsten berichte, ganz liebe Grüße von den Jahn´s !!!